Cruising the Kurpark

Die Flugzeuge fliegen wieder. Zum ersten Mal ist mir das vor ein paar Tagen aufgefallen, zuerst als ungewohntes Geräusch, das mich morgens geweckt hat. Aber bald schon ein zweites, drittes, viertes und jetzt sind sie einfach wieder da und es geht den ganzen Tag so dahin. Da fliegen sie hin und her und ihre Triebwerke wummern bis in unseren Innenhof herunter, als könnten sie ihre Freude über die wiedergewonnene Freiheit kaum für sich behalten. Schau, schau, schau! Wir sind wieder da, alles wieder wie früher, Fanfaren der Normalität.

Five to one against and falling . . . four to one against and falling . . . three to one . . . two . . . one . . . Probability factor of one to one . . . we have normality . . . I repeat we have normality . . . anything you still can’t cope with is therefore your own problem.

Tricia McMillan

Es ist schwierig, daheim zu sitzen. Man kann sagen, es gibt eigentlich kaum noch einen Grund, daheim zu sitzen. Aber für die, die am Anfang der Pandemie – oder vielleicht vielmehr: am Anfang der Maßnahmen gegen die Pandemie – gesagt haben, dass sich ihr Leben eigentlich nicht besonders verändert hat, damit, dass sie jetzt zuhause bleiben müssen, für die ändert sich ja auch weniger, wenn die Maßnahmen hier und dort wieder abgebaut worden sind. Und am Anfang war s lustig, weil da haben diese Leute ein bisschen eine Aufmerksamkeit bekommen, aber jetzt bleiben sie einfach wieder daheim und draußen ist schwierig und Leute treffen problematisch. So ist es fast wieder etwas schwieriger dadurch, dass die Maßnahmen das Leben kaum noch einschränken und ich dann wieder ein bisschen mehr die Enge spüre, weil ich ja auch Sans-Corona zum Rückzug tendiere.

Selbst wenn das ganz so nicht stimmt. Weil ich treff trotzdem die C. auf einen Sprung in den Wald und ich geh mit der R. einen Kaffee trinken… Insofern ist es ja nicht das Daheimsitzen noch das Allein-Daheimsitzen, was ich problematisch erleben würde. Aber die Standardeinstellung, die Lebensweise, zu der ich zurückkehre, da bin ich allein daheim und mach den Panther. Oder eh: mäh ich den Rasen, wisch ich den Boden, back ich ein Brot. Oder brat mir einen Reis an. Hab ich das gesagt? Dass mir mein philippinischer Tauchlehrer sagt, wie er zum ersten Mal meinen Namen gelesen hat, wie er zum ersten Mal für diese ganze Zertifikatsausstellung, zum ersten Mal nach zwei Wochen fast täglichen Tauchens das „Friedrich“ auf dem Bildschirm aufflimmern gesehen hat, dass er da zu mir gesagt hat: „Friedrice? Your name is actually Fried Rice?“ Auch deswegen mach ich mir das jetzt gerne. Eine Handvoll schöner Erinnerungen ist schon die halbe Würze. Auch wenn s letzten Endes immer noch nicht so schmeckt, wie ich mir das vorstelle. Aber es schmeckt. Und letztens hab ich ein Nasi Goreng gemacht, also ich hab was gemacht, was am meisten nach Nasi Goreng geschmeckt hat, von all meinen Nasi Goreng Versuchen. Und das ist dann nicht einmal ein Nasi Goreng Versuch gewesen. Abgesehen, natürlich, davon, dass es von der Schärfe her eher ein mild war. Im Gegensatz zu meinem Burrito, den ich mir bei mir an der Ecke gestern gekauft hab, nachdem ich mich im Gespräch da hineingesteigert hatte. Weil ich war da einmal, wie sie aufgemacht haben, kurz darauf. Und das ist so nett irgendwo, weil die sind so bisschen unprofessionell und das ist ja etwas, ich mein, das sollt s ruhig mehr geben. Aber vor lauter Unprofessionalität bin ich dann plötzlich in einem Gespräch gewesen und über kurz oder lang haben sich alle im Geschäft auf Spanisch unterhalten und ich kann das gar nicht, eine Spanische Unterhaltung führen. Ganz ehrlich tu ich mir ja leider oft einmal schon mit einer Deutschen Unterhaltung schwer. Aber die Frau Eigentümerin hat halt ewig lang für ihre Burritos gebraucht und ihr Gatte hat uns einstweilen verbal unterhalten… da war ich gleich drei Jahre lang nicht mehr dort. Hab s mir allerdings ein bisschen schöngeredet, weil, eben: so ein unprofessionelles Burritogeschäft macht ja nicht jeden Tag auf, das ist schon schön, sowas zu haben. Und ich mein, sie haben s auch drei Jahre ohne mich ausgehalten, obwohl ich mir oft gedacht hab, dass ich mal wieder reinschaun sollte, aber dann hab ich halt grad keine zwanzig Minuten oder – wahrscheinlicher – ein bisschen Angst davor, in eine Spanische Unterhaltung verwickelt zu sein. Na denn. Ich will ja bloß sagen, dass der Burrito nicht irrsinnig scharf war. Und zwar weder im Sinne von attraktiv, noch im Sinne von – wie sich der Gatte bei der Herstellung dreimal bei mir abgesichert hat – spicy. Aber dafür war s nur eine Deutsche Unterhaltung, also menos mal.

Also ja, es gibt schon auch die Welt und eine Auseinandersetzung. Es braucht bloß viel Kraft für so einen Ruck. Sonntag zum Beispiel, bin ich auf s Rad gestiegen um meinen Ausflügen an die Wiener Peripherie, den Süden als die vierte und bisher fehlende Himmelsrichtung hinzuzufügen. Bin ich nach Oberlaa gefahren. Weil ich hab da heute Morgen einen so einen Pin gefunden, in meinem Stadtplan, ein Pin der gesagt hat „Japanischer Garten“. Weil im Oberlaaer Kurpark gibt s einen Japanischen Garten und den hab ich mir wohl irgendwann mal gespeichert. Und nachdem der Sonntag diesmal auf einen Samstagabend gefolgt ist, an dem ich mich um acht zu This is Spinal Tap! Hingesetzt hab, was ein guter Film auch dadurch ist, dass er nach 82 Minuten schon wieder vorbei ist und mir noch eine gute Stunde Zeit gegeben hat, mir die Option des Außerhalb-Antrinkes durch den Kopf gehen zu lassen, war ich heute nach Katzefüttern, Kücheaufräumen und Kloputzenkontemplieren schon um elf mit meinen heutigen Chores fertig und ein bisschen unrund gegenüber so viel unstrukturiert vor mir ausgestrecktem Tag. Also bin ich da schon früh am Rad gesessen, hab mir ungefähr einen Weg eingebläut gehabt und mir nach Wochen des Immer-wieder-enttäuscht-darüber-Seins-mir-nicht-Self-auf-das-neue-Telefon-migriert-zu-Habens noch schnell Self auf s Telefon geladen. Und ja, ich mein, seinerzeit hab ich dieses Album wohl wirklich in erster Linie deshalb gekauft, weil die Nummer drei Meg Ryan geheißen hat. Aber mittlerweile ist gerade das durchaus ein Sehnsuchtslied an sich:
I’ve decided to believe
That I’m Polynesian originally
I want the air set to seventy degrees
I want pineapples and sugar as the major industries

Und wie das dann endlich durch meinen Kopfhörer geklungen hat, war ich schon irgendwo, wo ich mich längst nicht mehr ausgekannt hab. Der Süden ist echt nicht so meine Ecke, muss ich zugeben. Aber es zahlt sich aus. Ich fand den Oberlaaer Kurpark vergleichsweise beeindruckend. Weil er mich an einen australischen oder neuseeländischen Park erinnert hat, in dem ein bisschen Pflanzen beschriftet sind und ein bisschen Liegewiese ist und ein bisschen andere Spompanadeln zu haben sind. Wie eben auch ein japanischer Garten. Jetzt war ich aber zuerst einmal mit der Frag konfrontiert, was für eine Flagge das ist, die über ein Drittel einen weißen Balken hat und im Rest der Fahne ist dann ein weißer Halbmond mit Stern in den Fingerspitzen auf dunkelgrün. Ich hab mich von ganz im Westen durcharbeiten müssen. Algerien, Tunesien, Libyen… ich mein, da war ich schon auf der Wikipedia und hab Libyen vor allem deshalb angeklickt, weil s als eines der Nachbarländer Tunesiens genannt war. Aber auch da hätte ich die neue Flagge nicht aufsagen können. Ägypten hab ich dann übersprungen und hab mal den Oman angeschaut. Ich müsste das jetzt nicht dazusagen, aber während ich auf Pakistan geklickt hab, hab ich „nein, nein, nein, das wird s nicht sein“ vor mich hingeflüstert. Aber schau an. Pakistan. Da war heute wohl eine Veranstaltung für Österreich-Pakistanis im Kurpark. Überhaupt war s hübsch gemischt vom Publikum und gar nicht besonders voll insgesamt. Was mich gleich einmal wenig gewundert hat, weil keine Fahrradständer bei den Eingängen stehen. Dann wiederum gibt s Parkplätze für hunderte PKWs, also könnte man sich schon wieder wundern.

In den Britischen, Australischen, Neuseeländischen Gärten und Parks steht immer wieder einmal eine Statue vom Peter Pan, das ist ja auch so eine Figur, wo das Kindliche und das Erwachsene so ein bisschen zusammen kommt. Aber der Peter Pan im Oberlaaer Kurpark hat sich bei näherem Hinschauen als Papageno entpuppt.

Ich hab mich dann ein bisschen auf einen der verfügbaren Liegestühle gelegt und das war nicht super, aber schon gut. Bloß, weil die halt aus Metall sind und erstens rutsch ich da runter und zweitens drücken sie auf der Wirbelsäule. Es hat also bisschen gedauert, bis ich da eine stabile Rückenlage gefunden hab und auch die hat sich bisschen komisch verrenkt angefühlt. Nachdem die Familie, die sich s kurz darauf auf der Parkbank-Tisch-Bank-Kombination gemütlich gemacht hat, wenig offen irritiert über meine Haltung gewesen schien, dürfte sich meine Schieflagensorge auf ein internes Problem beschränkt haben. Eigentlich wollte ich ja was lesen, eh klar. Ständig der Anspruch. Aber ich hab mich schnell für s Hören entschieden und dem Anspruch gar nicht so recht zugehört. Weil ich hab am Vormittag ein kleines Gespräch zwischen dem Jon Ronson und dem Louis Theroux angehört gehabt und da hatte ich dementsprechend enorme Lust, mir ein bisschen mehr Jon Ronson anzuhören. No shade on Mr Theroux, wirklich nicht, aber vom Jon Ronson hab ich halt allerhand am Telefon. Und ich glaub, der Louis Theroux macht auch mehr Filme sonst als Bücher und Radiosendungen. Den Louis Theroux kenn ich ja von der K., mit der ich in Neuseeland über den Mount Doom geklettert bin. Auf dem Abstieg hab ich wahrscheinlich vom Jon Ronson angefangen und nachdem sie ihn nicht kannte, so beschrieben, was der so macht. Und hat sie von Louis Theroux angefangen, weil der sowas ähnliches mache. Und er macht sowas ähnliches, aber irgendwie ist der Jon Ronson halt my boy. Wenn man zwei hat, die das gleiche ca. machen und man das bei einem vorher super gefunden hat, dann ist der andere halt der andere, der das auch so macht. Aber dafür ist der Louis Theroux ein Freund vom Adam Buxton (immerhin ist er da unter rambles with old friends kategorisiert) und dadurch hat er halt auch in meinen Augen bisserl ein eigenes Profil bekommen. Und jetzt reden die darüber, dass sie halt zirka das gleiche machen! Das war schon witzig irgendwie. Und dass sie eine Rivalität tatsächlich haben. Weil sowas sagen die natürlich. Weil was sie machen, das war auch schön, weil der Louis hat dem im Gespräch einen Namen gegeben, als er s als puckish first person immersive journalism, that’s based on building relationships beschrieben hat. Was sie machen, ist, dass sie halt mit irgendwelchen Leuten Zeit verbringen, die ein bisschen einen Knacks haben. Also mit Neonazis oder mit Ku-Klux-Klanleuten oder mit VerschwörungstheoretikerInnen oder Pornografiepersonal oder amerikanischen WildtierhalterInnen. Und reden halt mit denen, lernen die kennen, reden mit ihnen über Hoffnungen, Träume, Weltbilder, nehmen dabei massig Zeug auf und schneiden das dann in eine halbstündige Radio- und oder Fernsehsendung.

Das ist so ein bisschen die Klischeeseite vom Kurpark. Wirkt fast wie ein Golfplatz, mit seinen sanften Hügeln.

Den Jon Ronson, den ich heute beim Spaziergehen hab laufen lassen, war über Being Alone. Würd ich ja fast erfinden, so gut hat das gepasst, aber es war einfach der nächste in der Liste, ich schwöre. Da hat er zuerst mit dem David Quantick geredet, der eine sehr schöne schottische Stimme hat und ein guter Freund vom Jon ist. Und da erzählt der Jon die Geschichte, dass er in London unterwegs war und den David gesehen hätte und dann will er über die Straße gehen, sieht er, wie der David ihn sieht und – im Glauben noch nicht vom Jon gesehen worden zu sein – sich hinter einem Auto versteckt. Und dann reden sie so ein bisschen darüber, wie man manchmal lieber allein sein will, auch wenn man wirklich nichts gegen die andere Person hat… Manchmal ist es einfach das, dass er eine alltägliche Eigenart diskutiert. Und manchmal hat er einen bei der Hand, der erzählt, dass er für den KGB als „Romeo-Spy“ jahrelang Frauen verführt hat.

Quasi apropos You Only Live Twice, hab ich mir zuerst schon ganz schön schwer getan, den Japanischen Garten überhaupt zu finden. Und vielleicht liegt s doch daran, dass die Schilder keine Pfeile haben sondern einfach nur ein Taferl ist, das wohl trotzdem in die richtige Richtunge gehängt ist…? Was weiß ich schon. Ich bin dann aber beim Tor drei oder so raus und bin plötzlich am Stadtwanderweg sieben gestanden, zwischen Weinreben, einem Hirsefeld und ein bisschen Brachland. Da hab ich dann den Jon abgedreht, weil ich sehr schnell eh sehr allein war und ich ratzfatz in der Stille angekommen gewesen bin. Bis auf, ja, die Flugzeuge fliegen wieder.

Es gibt da einen Sketch von den Consultants, wo nach einer Passage die so ähnlich klingt, wie das von mir aufgenommene, der eine den anderen fragt: “Do you want some milk with your cornflakes?”

Ich bin schnell einmal fast über eine Schlange gestolpert und das war schon ein bisschen eine Überraschung und wieder ein guter Grund für Schuhwerk über Flipflops. Überraschend auch, weil sie erst einmal stehengeblieben ist und erst, wie ich einen Schritt zurück bin, ist sie weiter über den Weg gekrochen. Und ich bin nicht so gut mit Schlangen. Ich bin gar nicht gut mit Schlangen, hab ich gemerkt, weil auch wenn die vielleicht siebzig, achtzig Zentimeter lang war und ich im rechten Winkel zu ihr mindestens so weit entfernt, aber da war schon so ein erster Moment in dem das Hirn nur weglaufen wollte. Ich weiß nicht, ob das dieses Reptiliengehirn ist, von dem man da spricht, wo die uralten Sachen drin sind, weil als Reptil reagier ich vielleicht sogar mit ein bisschen einem Anbandelungsversuch, als mit Fluchtreflex. Jedenfalls war ich gleich auf hunderzwanzig, so gefühlt. Aber außen natürlich beinhart gefasst und kontrolliert. Da bin ich dann also vorsichtig ein, zwei Schritte zurück und hab ihr den Raum zum Wegqueren gegeben. Derweil hab ich mich auf die Metaebene geschwungen und mit versucht, Charakteristika für die spätere Bestimmung zu merken. Ich hab vor ein, zwei Monaten auf der Donauinsel mal eine Schlange gesehen, die dort vor mir aus der Wiese gekrochen ist, deshalb hab ich mir sogar unlängst erst österreichische Schlangen angeschaut. Aber das ist offenbar nichts, was mir im Kopf geblieben ist. Vielleicht war s auch einfach, dass in meinem Kopf immer noch wenig Platz für Gedanken gewesen ist, neben der dringenderen Frage wie weit wohl der Angriffsradius von einer derartigen Schlange wäre und wie weit ich mich da jetzt heranwagen möchte, nur weil ich glaub, dass sich gerade die Giftigkeit wohl am besten über die nähere Betrachtung des Kopfes zu bestimmen wäre. Und wie weit ich jetzt eigentlich vom Park weg bin, wie schnell so Gift wirkt und überhaupt, lass sie doch einfach in den Busch kriechen, hm?

Ich hab ein bisschen gebraucht, bis ich mich soweit beisammen gehabt hab, dass ich mich dann noch für s Fotografieren entschieden hab. Dankbarerweise ist die Schlange da noch ein bisschen halb im Busch verblieben, damit ich zumindest ihre Zeichnung mitbekommen hab. Letztlich würde ich sagen, das war vielleicht sogar eine Äskulapnatter. Einfach weil der Braunton so gut passen würde. Prinzipiell war sie dafür vielleicht zu kurz, aber auch wenn ich den Kopf, wie gesagt, mehr nur aus der Stresserinnerung parat hab, aber dieses helle Band, das die Ringelnatter auf den Bildern hat, das glaube ich nicht, gesehen zu haben. Oder sogar: das glaube ich, nicht gesehen zu haben.

Auf jeden Fall bin ich dann ein bisschen vorsichtiger gewesen. Also: zwei Minuten später bin ich durch eine trockene Wiese geschlendert, wegen der schönen Aussicht über die Donau und den Flughafen. Und dann hab ich mir gedacht, dass ich aber genau hier herumliegen würde, wäre ich eine Schlange. Erst dann bin ich die Pfade vorsichtiger entlanggewandert. Aber es war trotzdem sehr schön. Es war wirklich schön. Die Hitze und die Einsamkeit und die Felder und irgendwie die Perspektive… Ich hab daran gedacht, wie ich in den Ananasfeldern verloren gegangen bin, das ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her. Und ja, Wien-Süd, das ist eh schön, aber wie viel schöner ich das gefunden hab, weil ich einfach schöner gewesen… sozusagen. Also die Brille, die Linse… weil ich einen freieren, entspannteren Blick auf das Meer hatte, als jetzt auf Industrie, Kleinstädte und maschinengestützter Intensivlandwirtschaft.

Aber für den Moment hat’s trotzdem gepasst. Die sich abzeichnenden Schweißflecken im Tshirt, die Sonnenbrandanbahnung auf der Haut, die empfundene Fremdheit von mir in dieser Umgebung: schön war das. Und dann hab ich mir eine Traube Trauben von dem einen Stock geschnitten – unter Zuhilfenahme eines scharfkantigen Marillenkerns, den ich in der Tasche hatte. Weil diese Dinger sind irre fest angewachsen! Zugegeben, sind vielleicht noch nicht ganz reif. Und dann noch eine von den roten Trauben, da ging s schon leichter. Und dann war da noch ein Ringlottenbaum oder was und ein Apfelbaum und ein Reh und ein Hase und ein Raubvogel-der-vielleicht-ein-Turmfalke-war-ich-mein-er-war-sehr-weiß-und-er-hatte-einen-roten-Fleck-wenngleich-ich-ihn-weiter-vorne-in-Erinnerung-hatte. Witzig, wie das zwei Schritte aus dem Kurpark raus schon eine ganz andere Welt ist. Stadtwanderweg sieben halt.

Die Taschen voller Obst bin ich dann nochmal in den Kurpark zurück, quasi auf Anhieb in den Japanischen Garten. Der hat hingegen sicher schon bessere Zeiten gesehen. Was noch übrig ist, wird mit Hinweisschildern tapfer verteidigt. Wobei auch interessant war, dass „Bitte nicht in den Rasen treten“ ein bisschen an der gängigeren Formulierung „Bitte nicht auf den Rasen treten“ vorbeigeht. Dazu noch in Betracht gezogen, dass es sich mehrheitlich um selbstgemachte Schilder gehandelt hat, hab ich kurz den Eindruck bekommen, dass sich vielleicht die Japanische Botschaft um den Garten kümmern würde. Wär ja möglich, immerhin bleibt auch die Tafel am Eingang unübersetzt. Aber dann stehen die Öffnungszeiten doch wiederum unter dem Logo der Wiener Gärten, also vielleicht einfach nur, dass hier ein Provisorium eine Feldbeförderung zur dauerhaften Lösung bekommen hat.

Am Heimweg bin ich noch kurz an der Kirche am Keplerplatz stehengeblieben, weil ich fand, die wirkt so ein bisschen kolonial. Ich bin nicht reingegangen, aber so haben sie sie auch in der Karibik und auf den Philippinen gebaut, ohne jetzt architektonisch eine Ahnung zu haben. Wahrscheinlich sag ich das mehr einfach nur, weil sie außen relativ simpel ist, quadratische Türme, weiß angestrichen, wham-bam-thank you Mutter Gottes. Das Foto ist nur nicht wirklich was geworden, deshalb ein generisches Stockfoto.

Jetzt hat der Japanische Garten am Ende vielleicht noch ein bisschen enttäuscht. Aber das ist nicht so schlimm, weil immerhin hat er mich da runter gebracht und dann hab ich allerhand hübsches und interessantes und ein bisschen eine Entspannung gefunden. Und ich erinnere mich an zwei Menschen, die meinen Augenkontakt-und-Lächeln-Versuchen mit ebenso reagiert haben. Das ist auch kein schlechter Ertrag, würde ich sagen. Aber dann wieder daheim und hier dokumentieren, da ist es halt doch wieder was anderes und die Fragen sind andere und die Dringlichkeit oder die Ziele. Der Sommer ist auch schon fast wieder vorbei. Jardin de Plantes wär wenigstens Paris.

Ein soziographischer Versuch

Wer weiß, mit welcher Zähigkeit die Arbeiterschaft seit den Anfängen ihrer Organisation um die Verlängerung der Freizeit kämpft, der könnte meinen, dass in allem Elend der Arbeitslosigkeit die unbegrenzte freie Zeit für den Menschen doch ein Gewinn sei. Aber bei näherem Zusehen erweist sich diese Freizeit als tragisches Geschenk. Losgelöst von ihrer Arbeit und ohne Kontakt mit der Außenwelt, haben die Arbeiter die materiellen und moralischen Möglichkeiten eingebüßt, die Zeit zu verwenden. Sie, die sich nicht mehr beeilen müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab aus einer geregelten Existenz ins Ungebundene und Leere. Wenn sie Rückschau halten über einen Abschnitt dieser freien Zeit, dann will ihnen nichts einfallen, was der Mühe wert wäre, erzählt zu werden.
– Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld, Hans Zeisel (1933) Die Arbeitslosen von Marienthal.

Solstice is…

Ich mein, selbst wenn man sich dafür auf den Weg machen wollte: Ist es halt der längste Regentag des Jahres, sagt ja niemand, dass man die Sonne sehen muss, an ihrem Feiertag. Denn auf der anderen Seite ist es schon so, dass sich heute als ein guter Feiertag anböte. So ein globales Fest, ein Wendepunkt vielleicht, von dem wir alle gleichermaßen betroffen sind. Und gleichermaßen heißt halt – nicht besonders intensiv, aber doch: Ab heute werden die Tage wieder kürzer.

Aber pass auf: Ich hab mir vor ein paar Jahren mal während der Arbeit, in einer kleinen Gehirnpause die Sonnenauf- und -untergangsdaten angeschaut und war relativ überrascht darüber, dass das so einfach nicht ist. Wenn ich jetzt mal sage, ich vertraue den Daten vom ZAMG, dann ist der Tag, an dem die Sonne am ehesten aufgeht schon wieder fast eine Woche her: am 14. Juni ist die Sonne um 4:53 aufgegangen. Und dann nochmal am 15., am 16. und am 17. Juni. Weil die ZAMG hat auch nur Minutendaten und das ist ok für mich, es lässt sich annehmen, die Sonne ist da irgendwo in der Mitte tatsächlich am frühesten aufgegangen. Seit dem haben wir schon wieder eine Minute länger schlafen gewonnen. Und heute geht sie in der Tat am spätesten unter, 20:59. Aber natürlich nicht nur heute sondern das geht jetzt noch zehn Tage so. Derweil geht die Sonne aber schon immer später auf und deshalb gibt es jetzt nur vier Tage, an denen wir den längsten Abstand zwischen Sonnenauf- und -untergang erleben. Interessanterweise waren der 17. und der 18. Juni aber ebenfalls bereits 16h05′ lang. Nur der 19. Juni, der hatte nur 16h04′ zwischen Sonnenrauf und -runter.

Ich weiß nicht wieso das so ist. Es hat wohl irgendwas mit Ellipsen zu tun. Also mit der Ellipse, in der sich die Erde um die Sonne dreht. Weil das ist nicht einmal das, was mir damals vor Jahren im „Auftrag“ des Ludwig Boltzmann Instituts für Ganz Grundsätzliche Nachforschung aufgefallen ist. Das hab ich jetzt so nebenher bemerkt, wie ich an meiner Grafik gebastelt hab, die das mich seinerzeit beeindruckende veranschaulichen sollte. Nämlich dass die Tage nicht gleichmäßig länger und kürzer werden.

Am längsten hab ich sicherlich gebraucht, um die Sommerzeit aus der Grafik rauszurechnen, schaut auch cool aus mit, wenn die Sonnenaufgangskurve Hörner bekommt. Aber lenkt eher ab von der eigentlichen Darstellung.

Ich mein, was man schon relativ auf Anhieb sieht, ist das eben das, dass der eheste Sonnenaufgang und der späteste Sonnenuntergang eben nicht wirklich gleichzeitig passieren. Und umgekehrt vielleicht sogar noch eher, weil der späteste Sonnenaufgang ziemlich genau um Neujahr herum ist, da ist die Kurve ganz hübsch an ihrem Zenit. Aber die Sonnenuntergangskurve geht schon wieder nach oben, noch bevor das Jahr um ist.

Und dann sieht man doch auch ein bisschen, dass die Sonne schneller wieder früher untergeht, als sie gebraucht hat um später unterzugehen. So liegen zwischen dem 30. Juni, an dem die Sonne das letzte Mal zu ihrer Topzeit von 20:59 untergeht und dem 9. Dezember, an dem die Sonne das erste Mal bereits um 16:00 untergeht nur 161 Tage, während zwischen dem 13. Dezember, an dem sie das letzte Mal um 16:00 untergeht und dem heutigen 20. Juni, an dem sie ja zum ersten Mal um 20:59 untergeht, ganze 189 Tage. Die Sonne braucht also vier Wochen länger, um den spätesten Sonnenuntergangstermin zu erreichen, als sie dann wieder zum frühesten Sonnenuntergang abbaut.

Nachdem sich das aber bei den Sonnenaufgängen in etwa spiegelbildlich beziehungsweise versetzt… reziprok? Also, da ist es halt umgekehrt und zwischen dem frühesten Sonnenaufgang zwischen 2.-7. Jänner und dem spätesten von 14. bis 18. Juni liegen 158 Tage nach vorwärts und 197 Tage nach rückwärts. Wobei diese Zahlen jetzt auch alle nur anhand des Jahres 2020 dargestellt sind, kann schon sein, dass sich das ein bisschen anders verhält, wenn man tatsächlich ins Jahr 2021 rüberwechselt und nicht einfach nur im Excelfile nach oben scrollt…

Insofern ist es vielleicht gar nicht so wichtig, heute die Sonnenwende zu feiern, weil so wirklich scheint das mehr so die allgemeine Kalendergegend zu sein, in der wir uns gerade befinden, die den Scheitelpunkt unserer Sonnenumkreisung beschreibt. Hat eine Ellipse einen Scheitelpunkt? Oder halt: zwei Scheitelpunkte? Und überhaupt ist ja alles Zufall, weil ich jetzt das mit der ganzen Sonnenwende wirklich nur zufällig herausgefunden hab, während ich nachgeschaut hab, wie spät s grad in Melbourne ist. Und ja, sorry V., ich bin davon ausgegangen, dass Samstagabend, zehn Uhr unpassend für ein bisschen legeres Plaudern gewesen wäre. Weil ich annehme, dass du out and about bist. Oder, weil ich mich dran erinnere, dass im Juni bei euch wohl ähnlich grauslich wie bei uns heroben ist, nur halt nochmal minus zehn Grad, dass du dich irgendwo in Decken gewickelt von Fernsehen und Elektroofen wechselseitig bestrahlen lässt.

Was ich aber eigentlich noch sagen wollte. Ich hab heute in der Früh schon was gelernt, was mich hat aufspringen und dementsprechend -stehen lassen, weil ich s so aufregend fand. Und ja, das ist jetzt vielleicht ein bisschen dick aufgetragen und vielleicht hab ich einfach einen leichten Anreiz genommen, um beizeiten aus dem Bett zu kommen. Oder ich hab mich ein bisschen von der bisserl zu energetischen Diana mitreißen lassen. Auf jeden Fall war ich einen Moment lang wild auf der Suche nach einem Stück Stift beziehungsweise Papier um festzuhalten: Die Wendekreise des Krebses beziehungsweise des Steinbocks… also, der südliche und der nördliche Wendekreis respektive liegen auf jeweils 23°26′ und noch bisschen. Und innerhalb dieser beiden gibt s zweimal jährlich einen Tag, an dem die Sonne direkt drüber steht und s deshalb keinen Schatten gibt. Also: einen Tag, an dem s eine Uhrzeit gibt, an dem die Sonne direkt im Zenit… hmmm. Scheint, als ob die Sonne einen Zenit hätte und die… ich mein, das muss eigentlich falsch sein, weil das wirkt wie eine Beschreibung aus einem geozentrischen Weltbild…

Anyway, das ja wirklich nur nebenbei und quasi Inhalt des Videos. Ich hab mich mit Spannendfinden ja wirklich auf ein Detail beschränkt, das wahrscheinlich eh total logisch ist. Aber ich bin ganz offenbar mit der Physik zwar befreundet, aber ich weiß nicht so wirklich, was in ihr vorgeht. Demensprechend überrascht und wie gesagt hingerissen bin ich dann davon zu erfahren, dass nämlich das der Winkel ist, in dem die Erde zur Sonne steht: 23°26′ und bisschen was. Und das find ich aufregend, aus irgendeinem Grund. Und ja, was die Diana dann auch sagt und was eh auch klar ist, dass das ja nicht zufällig sondern dass die so definiert sind. Aber es hilft mir, glaub ich, zu verstehen, erstens wozu diese Breitengrade… also, wie die sich zu einer Wirklichkeit verhalten. Unserer Wirklichkeit verhalten. Und zweitens wie das dann mir hilft, ein Bild davon zu haben, wie die Erde im Weltraum herumfliegt und wie sie sich dort zu anderen Objekten verhält. Und da hege ich die sanfte Sehnsucht, wäre dieses Bild ein wenig schärfer, würde ich vielleicht auch besser verstehen und oder erklären können, warum die Sonne so komisch auf- und untergeht.

Kurkumateetest

Eines Tages war ich enttäuscht, dass ich keinen Kurkumatee beim Billa gefunden hab. Das war ein interessantes und bisher einzigartiges Erlebnis. Ich hab letzten Winter in Melbourne Kurkumatee getrunken und hab das ganz nett gefunden. Das angenehme war nämlich auch, dass es ein unaufdringlicher Tee war, der Tee hat mir nicht sagen wollen, wie ich mich fühlen soll, wenn ich ihn trinke und ist mir auch nicht ungefragt mit Sinnsprüchen zur Seite gestanden. Es war eine relativ schlichte gelbe Schachtel mit vermutlich zwanzig Teebeuteln drin. Ich bin versucht zu sagen, dass Tee in dieser von den Briten besiedelten und wahrscheinlich dann auch noch von asiatischstämmigen Leuten mitbewohnten Weltregionen einfach einen anderen Stellenwert hat und weniger stark als eine Ebene, auf der man seine Individualität gestalten muss betrachtet wird, denn als eine alltägliche Notwendigkeit. Jetzt haben aber die Briten den Kapitalismus erfunden und das stimmt sicher nicht, was ich da sag, vielmehr wird wahr sein, dass Tee und vergleichbare Heißgetränke im australischen Supermarkt so differenziert sind, dass jemand wie ich auch eine Zielgruppe ist, die ihr eigenes Marktsegment bekommt. Und ja: vergleichbare Heißgetränke. Wie ich in der Apotheke tea kaufen wollte, wurde ich ja zurecht verständnislos angeschaut.

Anyway. Stellt sich heraus, das ist alles falsch. Also nein, nicht alles. Aber zumindest die Feststellung, dass es beim Billa keinen Kurkumatee gäbe. Weil nachdem ich mehreren Leuten mit meiner Tirade vom Nichtvorhandensein Kurkumatees und der dadurch versinnbildlichten Hinterwäldlerischigkeit der österreichischen Gesellschaft in den Ohren gelegen bin habe ich vor nicht allzulanger Zeit dann beim dm einen Kurkumatee bekommen. Und nur kurz: interessant und nachvollziehbar, dass das bei uns die Provizialität am Wald festgemacht wird, weil mir dazu jetzt eben der englische Begriff backwater (Bedeutung 2a) eingefallen ist. Quasi eine Bestätigung dessen, dass ich das Konzept von Deutschen, die am Meer leben für kurios halte. Aber dann noch eins drauf, wenn mir für hinterwäldlerisch tatsächlich freshwater (Bedeutung 2, US, veraltet) vorgeschlagen wurde.

Aber ja, ich hab beim dm Kurkumatee bekommen. Und ich hab kurz darauf auch beim Billa Kurkumatee entdeckt. Da muss sich aber wirklich irgendjemand mit Sehfehler in die Fokusgruppe geschlichen haben, weil ohne nähere Betrachtung, ist der Tee gar nicht identifizierbar. Na und dann war ich beim denn’s und hatte die ganze Tasche voll Kurkumatee. Und jetzt ist es eh wieder etwas kühler, das ist ja nicht schlecht: kann ich Kurkumatee trinken.

Auf der Webseite von Stick&Lembke hab ich dieses Design übrigens gar nicht mehr gefunden. Was nichts heißt, aber unvorstellbar ist es nicht, dass sie

Jetzt noch: Ich hab auch selbst zwischendurch einen Kurkumatee gemacht, der war aber gar nicht besonders gut. Liegt wohl daran, dass der Kurkuma schon sehr lang im Kasten rumsteht und weil irgendwo Kurkuma der färbt immer noch die halbe Arbeit erledigt… überhaupt. Wer kauft schon neue Gewürze, wenn die alten auch komplett ausgeraucht sind. Aber da hab ich mich ein bisschen drüber informiert, was so das heiße ist, am Kurkumatee. Und das jetzt einfach aus dem Kopf, im Kurkuma ist ein Stoff der der Einfachheit halber Kurkumid heiß. Und weil von den x Wirkungen, die dem zugeschrieben werden, keine nachgewiesen ist, ist es auch nicht so wichtig, dass der Begriff wahrscheinlich falsch ist. Aber er heißt wie Kurkuma, nur mit einer anderen Endung. Und besonders viel Wirksamkeit wird dem Kurkumid im Zusammenspiel mit Pepperinoiden nachgesagt. Die sind im Pfeffer enthalten, behold!. Macht Pfeffer eine Kräuterteemischung besser? Schwer zu sagen. Es hat dann alles vor allem nach Ingwer geschmeckt.

Und deshalb sind aber Kurkumatees auch schwer zu verkosten, hab ich heute gemerkt. Weil der Kurkuma wirkt ein bisschen betäubend auf der Zunge, Zimt ist oft drin, der wirkt so ähnlich. Dann Ingwer und Pfeffer, die sind scharf… Man kann kaum von einem Glas einen Schluck nehmen und dann vom nächsten und dann vom… das schmeckt nach gar nichts mehr.

Ahja, ich hab dann heute meine Kurkumatees verkostet. Weil ich den vom Yogitee gar nicht besonders gefunden hab. Eh ok, aber blass im Geschmack und kaum der Mühe wert. Der ist mit Zimt und Süßholz und man schmeckt viel das Süßholz. Kurkuma, muss ich auch sagen, ist schwer vom Geschmack so wirklich festzuhalten. Aber ich fand eben in dem Yogitee, nicht so gut. Wenig gut, gehen wir einfach von der Seite, fand ich auch den Hellwach von Sonnentor. Der ist auf Matebasis und das hab ich mir zuerst eigentlich ganz attraktiv vorgestellt, würde ich aber nicht nochmal kaufen. Irgendwie schmeckt Mate auch ein bisschen fad. Rosa Pfeffer klingt aufregend, macht aber nicht mehr viel. Und sonst: Basilikum, Oregano, Zitronengras… Bemüht, aber eine komische Richtung. Ganz ok fand ich Billas Stick&Lembke, den man nicht lesen kann. Der hat Kakaoschalen mit drin und das macht ihn mehr in die Richtung. Bisschen Ingwer, bisschen Pfeffer. Der ist schon ganz gut und eigentlich hätte ich mich mit dem auch zufrieden gegeben. Aber dann halt denn’s. Und da gibt s dann den… ich bin mir nicht ganz sicher. Ich würde sagen am zweitbesten finde ich den Pukka. Das ist der, den ich auch in Australien getrunken hab. Hosanna!, hab ich mir gedacht. Weil der wird in Bristol gemischt und der hat irgendwie dieses Design mit dem ich ok kann. Der ist auf Grünteebasis und darf deshalb wohl auch in Melbourne in der Teeabteilung stehen (vorausgesetzt, das ist tatsächlich die gleiche Rezeptur) und hat Zitrone drin. Das ist letzten Endes auch schon das herausragendste Merkmal: der schmeckt ein bisschen frisch-zitronig. Und dann ist da noch der Lebensfeuer, ebenfalls von Sonnentor. Auch Grüntee und zwei verschiedene Zimt seh ich grad. Verschiedene Anis, Fenchel, Kardamom. Und vorne drauf auf der Packung steht auch noch der Safran. Nullkommaeinprozent.

Jetzt noch ein bisschen für wem der Geschmack vielleicht nicht das wichtigste ist. Alle fünf Tees haben keine Klammern im Teebeutel, was ich super find, gehen bei mir alle in den Biomüll wie sie sind. Natürlich sind alle einzeln verpackt, die Sonnentor und der Yogitee in Plastik, Pukka sowie Stick&Lembke dankenswerterweise im Papierbeutel. Ja, vielleicht ist es das manchen wert, dass man den Tee nach einem Jahr geschmacklich immer noch wiedererkennt, aber ich freu mich darüber, den Mistkübel nicht aufmachen zu müssen. Was noch? Farblich fand ich den Yogitee am schönsten, der hat das tiefste Gelb. Der Pukka, wohl wegen der Zitrone ist ein bisschen blass.

Was ich auch lustig fand und in der Testreihe zuerst total beachten wollte, aber dann vor lauter Unkonzentration zu achtzig Prozent vernachlässigt hab, ist die empfohlene Zugzeit. Der Pukka sagt: „Mit frisch gekochtem Wasser übergießen und mindestens 15 Minuten ziehen lassen.“ Was meine Lieblingsempfehlung ist und auch die einzige, an die ich mich gehalten hab. Weil mindestens am einfachsten handzuhaben ist, wenn man die Zeit übersehen hat. Die Sonnentor zeigen eine Teekanne auf der 100°C steht und daneben steht 5-10 Min. Lembke sagt „Ziehzeit: 5-8 Minuten“ und der Yogitee gibt eine Mengenangabe („250ml“) eine Ziehzeit („7-9 Min“) und einen Konsumationshinweis („Enjoy! Genießen! Savourer!“). Gerade der deutscher Imperativ klingt da besonders sinister. Aber er empfiehlt auch, als Golden Milk getrunken zu werden, wo der Tee in Milch aufgekocht wird. Oder einem veganen Milchäquivalent. Das probier ich vielleicht noch, das klingt nicht so schlecht. Er schmeckt ja an sich schon so, als ob ein bisserl was fehlen würde, eine Süße oder… ein Geschmack.

Auf der anderen Seite gewinnt der Yogi Tee auf jeden Fall damit, dass er 55% Kurkumaanteil vorweist. 40% sind im Pukka, 12% im Stick&Lembke, 10% im Hellwach und – ach du lieber Himmel – 3% im Lebensfeuer. Dass das überhaupt… ich mein, die Sonnentor heißen eh nicht Kurkumatee, es steht halt vorne halbwegs prominent drauf, dass Kurkuma drin ist. Ist das schon Betrug? Lebensfeuer beschreibt auf der Packung 23,1% der Inhaltsstoffe: Kurkuma (3%), Zimt (2×10%) und Safran (0,1%). Hellwach beschreibt mit 40% Mate insgesamt 55%. Der Stick&Lembke nennt nur Kurkuma und Ingwer und kommt damit auch nur auf 28%. Pukka wirbt mit Kurkuma, Zitrone (6% + 6% Zitronenaroma) und Grüntee (20%) und beschreibt damit 72%. Und der Yogitee kommt mit Kurkuma, Zimt (14%) und Ingwer (7%) insgesamt auf 76%.

Und wenn ich schon die Verpackungswahrheit reflektiere, dann gibt s am Schluss nochmal einen Punkt für Pukka. Weil das ist die einzige Schachtel in der 20 Teebeutel enthalten sind. Ich hab keine Ahnung mehr, wie viel die einzelnen Tees gekostet haben und eine Preis-pro-Beutel-Geschichte wäre zwar nett, aber darum geht s mir gar nicht, wenn s auch trotzdem um Kostenwahrheit geht. Der Yogitee enthält 17 Beutel, die Sonnentor und der Lembke jeweils 18. Ich hätte gerne, wenn KonsumentInnen nicht Verpackungen studieren müssen, um Preise vergleichen zu können und deshalb, warum machen wir nicht alle Packungen zu 20 Stück… Hat das so schlecht funktioniert gehabt? Aber natürlich wär schön, wenn war dann noch die Teebeutel… man muss wirklich… in den Sonnentortees sind 1,7g in einem Teebeutel, Pukka gibt 1,8g (und die muss man sich selbst ausrechnen, aber weil 20 Beutel drin sind, geht das zumindest im Kopf…) und Lembke und Yogi füllen ihre Beutel mit großzügigen und kopfrechnungsunterstützenden 2g.

Um das Ganze zu einem Ende zu bringen, erfinde ich jetzt eine Formel, die sich aus Geschmack, allgemeiner Attraktivität (das ist die ganze Aufmache, aber mit einigem Gewicht auch der Plastikanteil), Ehrlichkeit… ja, ich glaub, das war s schon. Zusammensetzt. Sagen wir… 40% für Geschmack 30% für allgemeine Attraktivität und Ehrlichkeit:

Hellwach: 0,3*0,4+0,4*0,3+0,4*0,3=0,36
Lebensfeuer: 0,8*0,4+0,5*0,3+0,2*0,3=0,53
Kurkuma Chai (Yogi Tea): 0,3*0,4+0,5*0,3+0,9*0,3=0,54
Lembke: 0,6*0,4+0,4*0,3+0,7*0,3=0,57
Pukka: 0,7*0,4+0,8*0,3+0,8*0,3=0,76

Enges Mittelfeld, bisschen abgestunken die Matevariante und vorne Weg der Tee, der in mir Erinnerungen an einen Juniwinter im Melbournschen Regenwetter weckt. Man kann sich ja nach den seltsamsten Sachen sehnen…

…draht a schleifn umman eiffelturm und frågt mi, wo i hiwü.

Und ich sag: nach Lainz. Weil ab und zu ist mir dann mehr oder weniger anlassgebunden doch einmal kurz alles zu viel, wenn das AMS hat ein Mail schreibt (am Feiertag, Bullies!) und die Nachbarin die Abendfestivitäten einleitet. Zusammen mit dieser latenten Hintergrundanspannung durch die fortwährende Lebenswegsuche… Und nicht einmal, dass ich was gegen Hoffeierlichkeiten hätte, also lautstärkehalber oder so. Die machen schon gute Musik an. Eher weil ich selbst ja daran scheiter, in der Situation, wo ich allein nebenan sitze und drüben haben sie s lustig, denn mich tatsächlich dazu zu setzen – dafür scheint mir die leichte Schulter nicht belastbar genug zu sein. Aber ich hab gelernt aus den Wochen des Allein-Daheim-Sitzens oder aus den Monaten des Allein-durch-die-Welt-Fahrens. Oder aus Jahren des Allein-den-Alltag-Überlebens. Und das Lernen ist ja nicht einmal das wichtige, sondern, dass ich mich zur Anwendung des Gelernten durchgerungen hab.

Ich bin also auf mein Rad gestiegen und hab mir gedacht, ein bisschen die frische Luft, ein wenig die körperliche Betätigung, ein Stückchen eine andere Szenerie, trauen sich die Nerven vielleicht wieder ein paar Sprossen die Leiter herunter. Und zuletzt bin ich in die Stadt gefahren, was immer ein bisschen in die Richtung ist, die ich mit Arbeit assoziiere und von dem her schon nicht super. Aber darüber hinaus ist dann die Donau und da sind Verladebahnhöfe und Kraftwerke und allerhand industrielles Zeugs, das hat mir gut gefallen. Da bin ich dann schon beeindruckt, was alles geht. Und dann die Donauinsel und so, das ist ja wirklich schön, da kann die Stadt Wien schon froh sein, dass ihnen das passiert ist. Und das war auch schön, so viele Leute zu sehen und dass eh viel Platz ist und selbst wenn die Polizei der Meinung war, so viel Präsenz zeigen zu müssen (anstatt, eh das übliche: SteuerhinterzieherInnen nachzugehen, Sensibiliserungsworkshops und Deeskalationsfortbildungen zu besuchen oder den Staat dort zu repräsentieren, wo s nichts zu sehen gibt). Aber das ist schon lange her und längst vom Lauf der Coronaumgangsentwicklung überholt.

Ich mein, man kann sich das durchaus auf der Zunge zergehen lassen: „das Betreten öffentlicher Orte [ist] grundsätzlich verboten. Eine Ausnahme ist, wenn Sie […] unterwegs sind.“ Dem dritten Absatz fehlt überhaupt ein bisserl die Grundlage, möchte ich behaupten, aber damit schließt er wohl auch mit der aufgeblähten Formulierung „wirksam einzudämmen“. Und wenn man dann noch Zeit hat, kann man noch „nicht gestattet“, „ersuchen Sie, dies zu unterlassen“ und „konsequent einschreiten“ gegeneinander abwägen. Entweder waren die für die Gestaltung dieser Hinweistafel zuständigen, sich nicht über die geltende Rechtssituation im Klaren oder man wollte sie nicht kommunizieren.

Für die Abwechslung bin ich dann also in die andere Richtung gefahren. In meinem zweidimensionalen Weltbild war das der Westen. Weil im Westen gibt s den Wienkanal und das ist mitunter das Schönste, find ich. So von Natur und Urbanität und Platz und Beanspruchung und Variation und Zugänglichkeit. Wirklich gut. Ein Pech, dass die Gestaltung nur oberhalb von Hietzing umgesetzt worden ist. Weil man könnte sagen, das ist eine Gegend, in der s eh relativ grün ist, die brauchen vielleicht nicht noch ein Naherholungsgebiet. Und vielleicht erklärt sich dadurch die verhältnismäßig dünne Nutzung. Aber das kann ja auch keine Taktik sein, dass man dort, wo man s nicht braucht, Naherholungsmöglichkeiten schafft, die dann attraktiv bleiben, weil sie nicht überlaufen sind.

Aber egal. Da bin ich ein bisschen vor mich hingeradelt und das war dann auch ganz schick. Weil das ist zuerst schon ganz hübsch und dann – stadtauswärts – wird s nochmal hübscher, weil grüner und wilder und dann, fast unerwartet, wird s nämlich nochmal hübscher, weil es dann fast schon grün und wild ist. (Ein Graureiher, bitte!) Bloß, dass es dann schon wieder zu Ende ist. Also, vorher kommt noch so eine Passage, wo der Weg plötzlich viel zu schmal ist und dann haben sie den nochmal halbiert und extra Kopfsteinpflaster gemacht, dass die Leute nur auf einer Seite rasen können, während die ihnen entgegenkommenden zum andauernden Holterdipolter und dementsprechenden Grimassenschneiden verdammt sind. Ich glaube, da hat s auch noch nie eine NutzerIn gegeben, die diese Gestaltung gelungen gefunden hätte. Und vielleicht ist das so ein Unterschied zwischen da wohnen und da entdecken: Ich bin schon froh, dass es den Weg gibt, weil eben Grün und Wild. Aber der Lösungsansatz ist offenbar, die Situation bewusst zu verschlechtern, um eine vorsichtigere (und geringere) Nutzung zu provozieren. Dabei bin ich ja nicht einmal grundsätzlich gegen diesen Ansatz ist, merke ich grad. Ich glaub, ich halte es einfach für unpassend, das in einer Naherholungssituation zu nutzen.

Da klingt s aus dem Wald. Unabhängig von Zeit und Lust, sollten sich übrigens hier alle auch durch die Geräuschkulisse eines britischen Waldtags scrollen.

In meinem Fall hat das dazu geführt, dass ich mir gedacht hab, lieber eine andere Route zurück. Immerhin bin ich da also schon auf anderen Gedanken gewesen. Ist ja auch ganz praktisch, wenn man sich einmal über was ärgern kann, was außerhalb einem selbst liegt. Und weil man da am Ende eh schon bei diesen Überlaufbecken ist, bin ich dort auf die andere Seite des Flusses und hab zuerst noch den Kamelen vom Circus Safari beim Essen zugeschaut, bevor sich mein Auge in den von der Abendsonne beschienen Überlaufbecken und der darin enthaltenen Natur verloren hat. Und dass ich dann über die Westausfahrt geklettert bin und auf der anderen Seite überrascht vor einem aus verzerrten Kindheitserinnerungen bekannt wirkenden Lainzer Tiergartentor gestanden bin, lass ich hier durchaus dafür stehen, dass ich mich nie besonders um meine Wienorientierung gekümmert hab. Aber so sind da mit den Becken auf der einen Seite und dem Tiergarten auf der anderen plötzlich zwei Sachen zusammengefallen, die ich aus verschiedenen Kontexten zwar gekannt, aber nie selbst wirklich genutzt gehabt hab. Immerhin fahrt da die Autobahn durch und dadurch wird das eh alles ein bisserl zum Unort.

So hab ich wieder was gelernt und schau an, war ich neugierig genug, dass ich tags drauf noch einmal auf s Rad gestiegen und in den Lainzer Tiergarten gefahren bin. Natürlich, da ist schon auch noch ein Reststress, dass ich lieber nicht daheim sitze, wo die Entscheidungen ungetroffen im Raum hängen. Aber es war schon auch diese Neugier und da etwas zu sehen, zu entdecken, zu erschließen. Es ist selbstverständlich schon anders, als wenn ich durch sagnwarmal Kagoshima spaziere. Entdecken hat schon einen anderen Geschmack. Weil eigentlich such ich ja doch etwas, was das Hier-Leben vielleicht lebenswert macht. Und warum nicht mal dort nachschauen, wo Wien seine 53% Grünflächenanteil versteckt. Nämlich hinter einer Mauer.

Zwei hatte ich schon im Mund, bis mir in den Sinn gekommen ist, zumindest das Erdbeerbild zu teilen. Damit ist jetzt quasi Sommer…

Der Lainzer Tiergarten ist prinzipiell wirklich ganz nett. Es ist schön, einen Wald zu haben, der… ein echter Wald ist. In der Stadt! Wo man ins Grün schauen kann und wo man den Wald hört und – wenn man erst einmal weit genug von der Westausfahrt weg ist – auch nur mal nichts anderes als den Wald hören kann. Wo man genug Entfernung hat um den Blick auch schweifen zu lassen und es bleibt Wald, wenn die Anhöhe es denn zulässt. Und wo man einem Wildschwein begegnen kann. Ich hab mir ja vorgenommen gehabt, nicht umzudrehen und mich sozusagen panisch aus dem Staub zu machen. Sondern wo auch immer ich das her hab, lieber mit dem Blick auf das Wildschwein langsam meine Schritte nach hinten zu setzen. Aber in dem Moment wo vor mir dann eines durch den Wald gelaufen ist, war ich mir doch nicht mehr sicher, wie sehr ich das nicht aufgescheucht hätte und vielleicht lieber doch einmal Distanz als Mindgames. Vor lauter Stolpern hab ich mir da aber schon gedacht, wäre auch ganz gut, wenn der Wald vielleicht ein bisschen besser aufgeräumt wäre. Aber abgesehen davon, dass ich gerne ein paar Hinweistafeln für den Umgang mit Wildschweinen gesehen hätte, sollte wohl mal jemand eine Grafik machen, welchen Tieren man lieber in die Augen schauen soll, damit sie einen nicht töten wollen und welchen Tieren man auf gar keinen Fall in die Augen schauen soll, damit sie einen nicht töten wollen. Ich hab das Gefühl, da gibt s solche und solche…

Da hab ich mich wirklich ins Zeug gelegt, um diese Akelei ordentlich ins Bild zu bekommen. Und weil ich mit Blumen schlecht bin, hab ich die ja erst vorhin identifiziert (letztlich mit Bildersuche: „violett Waldblume fünfblättrig“). Dreihundert Meter weiter sind dann ganze Büsche davon herumgestanden, in bunten Farben. Bisschen abgewertet hab ich meine einzelne Waldrandsakelei dadurch empfunden.

Aber deshalb herrscht ja, wie ich auf der Infotafel beim Ausgang gelesen habe, Weggebot. Für meine Wildschweinbegegnung habe ich dieses zugegebenermaßen gebrochen gehabt. Weil… schau. Erstens hab ich s nicht gewusst. Weil es gibt viele Regeln für den Lainzer Tiergarten und die sind in grün designt, die hab ich gar nicht erst gesehen, wie ich den Wald betreten hab. Und ich hab ja auch erst im Laufe des Ausflugs mein Bedürfnis für Hinweistafeln realisiert. Aber wer ist auf diese Idee gekommen, dass der Weg betoniert sein muss. Es ist wirklich, ich mein: wirklich frustrierend, dass man Wald und Flur auf Beton quert. Es war relativ viel Verkehr, also etwa eineinhalb Autos die Stunde und ich seh ein, dafür ist das praktisch. Dass dann wiederum Radfahrverbot ist, ist ein bisserl traurig, weil da wäre der Beton wiederum ganz willkommen. Mir zumindest, gibt ja solche und solche. Also nochmal Minuspunkte für die Weggestaltung, liebe Stadt Wien.

Lustig, dass der Person, die hier anschauungshalber das Weggebot verletzt, offenbar jemand die Beine zusammengebunden hat.

Wenn drei Autos in zwei Stunden viel sind, dann sind zwanzig Leute in zwei Stunden relativ wenig. Aber wiederum ist das ein bisschen schade, weil Wien gern von seinen Grünflächen redet und dann sperrt man in der Panik nebenher die Bundesgärten zusperrt, aber das ist ja nicht die Entscheidung der Stadt Wien. Aber zugegeben: wenn man im Sommer durch den Burggarten geht, dort noch Platz für seinen Babyelefanten zu finden: oft nicht so einfach. Und dann wiederum riesiges Waldgebiet und nur eine Handvoll nasale SeniorInnen. Wär natürlich ideal, wenn man den Leuten hüben wie drüben angemessen Grünflächen bieten könnte. Nicht tut man das, indem man Wege betoniert und beinhart das Rotkäppchen durchzieht.

Was aber, wenn Peter den Wolf nicht gefangen hätte, was dann?

Aber wodurch der Lainzer Tiergarten letztlich wirklich verliert, ist, dass er mir vom Pulverstampftor aus keine Runde macht. Und ja, er macht von anderen Toren aus eine Runde und man kann sich das ja vorher anschauen und drittens bin ich ja gerade extra bis zu dem Tor gefahren, weil s mir vom Schuss gewirkt hat. Dass jetzt die genannte verhältnismäßige niedrige SpaziergängerInnenfrequenz nicht unbedingt für den ganzen Lainzer Tiergarten gilt, sondern vor allem für die Ecke, wo man nur hin und her gehen darf, das kann natürlich sein. Da hab ich dann ein zweites Mal dem Weggebot widerstanden und bin hinter dem Grünauer Teich herum wieder zurück Richtung Fahrrad gegangen. Ad Grünauer Teich: Es ist wenig überraschend, das der eingezäunt ist. Und trotzdem: Da hat man einen Teich und dann… na gut. Lebt die Natur drin. Und kann nicht immer ein Rettungsschwimmer daneben stehen. Aber eines von diesen Hinweisschildern hätt s nicht auch getan? Dass man einen Stein über die Wasseroberfläche flitzen lassen kann vielleicht? Oder nach dem einen Biber Ausschau halten kann, dem der Grünauer Teich laut Auskunft Heimat bietet? Ein tristes Bild, übrigens, dass es da in Hietzig einen eingezäunten Teich gibt, in dem ein einsamer Biber sein Dasein fristet. Da kann er ja nicht mal einen Damm bauen, vor lauter stilles Gewässer.

Ein bisschen eine Kritik hätte ich da übrigens noch. Ich hab mir im ausländischen Wandern oft einmal gedacht, dass ich in Österreich immer wieder mal eine Quelle in Erinnerung hab, dass man sich nicht selbst sein Wasser tragen muss, weil man ja eh dran vorbeikommt. Also, dass da wo ein Hahn ist oder ein Trog. Das ist das wunderbarste, was man dem Wandersmensch unter die Arme und nicht zuletzt (nachdem man ja ein unverbindliches Angebot macht) müden Beine greifen kann. Natürlich ist das am Berg leichter, weil s da wirklich nur die Dings ist, dass man eine unterirdische Quelle halt kurz in ein Rohr leitet, den WandererInnen zu trinken gibt und dann wieder zurück in den Boden und mach dich wieder auf den Weg ins Tal, mein Wässerchen. Jetzt bin ich im Lainzer Tiergarten durchaus so einem Baumstammtrog begegnet, in den sich bedarfsweise das kühle Nass ergösse, nur ward dran ein Kein-Trinkwasser-Schild angebracht gewesen. Und wieso… wieso gibt s hier ein Kein-Trinkwasser? Für Leute, die beim Weggebotverletzen in den Schlamm gestiegen sind? Für die Nur-knapp-mit-dem-Leben-Davongekommenen, sich Wildschweinblut von Hirschfänger und Händen zu spühlen? Hat jemand gar die Schmutzwäsche auf einen Spaziergang mitgenommen? Könnte man besser machen. Ich nehm an, da ist irgendwo ein altes Rohr und anstatt das auszubessern klebt man halt ein Hinweisschild.

Auf der anderen Seite lässt der Lainzer Tiergarten seine BesucherInnen ab und zu auch in der Eigenverantwortung überlässt und es bleibt einem dann selbst überlassen, die aktuelle Hinweissituation zu interpretieren.

So bin ich letztlich wieder raus, beim Pulverstampftor. Das hat sicher auch noch eine spannende Geschichte, wie es zu dem Namen gekommen ist. Warum ein Tiergarten… ja, ich mein, das könnte man noch diskutieren. Aber das ist schon ok. Wien ist hier einfach ein bisschen Berlin, da darf man sich ja auch nicht immer erwarten was draufsteht. Also ganz ohne alles, wieder raus beim Tor und dann bin ich zurück wieder über s Wiental gefahren. Weil hin bin ich, für verbesserte Zielsicherheit, durch Hietzig. Was auch hübsch ist. Und ich kann mir schon vorstellen, dass wenn man in diesen Alleen lebt, dass einem dann ein bisschen das Gefühl dafür fehlt, wie trist wohnen in Grau in Grau ist.

Nu, und nach diesem Ausflug hat sich die körperliche Müdigkeit grad so mit der geistigen Angeregt gepaart gehabt, dass es sich geradezu richtig angefühlt hat, mich damit an die Maschine zu setzen. Fast, als ob das was wäre, dem ich Ausdruck verschaffen möchte. Und vielleicht den Hinweis, für die Zukunft: Wer auf heranfliegende Käfer schreckhaft reagiert, vielleicht nicht im gelben T-Shirt durch den Frühlingswald laufen.

+ Neu

Hindsight, so sagt man, is twenty-twenty. Dementsprechend lädt mich die Jahreszahl eh schon einmal mehr dazu ein, eher zurück zu blicken, denn nach vorne. Mittlerweile mischen sich Tulpen unter die Weihnachtssterne, die hier und da noch herumstehen, aber ich wehre mich immer noch ein bisschen dagegen, anzukommen. Oder auch ohne: wehre ich mich dagegen, anzukommen. Ich würde das so sagen: Wie ich angekommen bin, hat es noch gewirkt, als würde ich ankommen. Aber dann hat sich irgendwie der Eindruck durchgesetzt, ich sei einfach zurückgekommen und Wien ist nicht die nächste Station auf einer Reise, dieser – weil ich jetzt schon in dieser schalen Metapher Platz genommen habe – lebenslangen Reise. Es war eine Ausnahmesituation und ich bin zurück und es ist schwierig, den Erinnerungen und Erfahrungen einen Raum zu geben in diesem Alltag, den ich immer schon als so eng erlebt habe.

In Wahrheit bedeutet 20/20 auch nicht mehr, als dass man normale Sicht hat, also aus sechs Metern Entfernung erkennt, was man normalerweise aus sechs Metern Entfernung erkennen sollte. Und das sind dann halt auch etwa zwanzig Fuß. Das hat sich der Herman Snellen der Ältere ausgedacht (Utrecht, 1962).

Es ist schön, in Wien zu sein, es ist, auch so sagt man, schon schön, wieder in Wien zu sein. Ich bin bloß noch ein schönes Stück hilfloser als zuvor, in dem Versuch, meine Zeit zu gestalten. Es war ein bisschen eine gemeinsame Anstrengung, dass ich s Ende letzter Woche tatsächlich einmal ins Museum geschafft hab. Immerhin hab ich einen Kulturpass, den ich uneingeschränkt als ein großartiges Konzept herumreiche. Aber er es nach drei Wochen zum ersten Mal aus meinem Geldbörsel geschafft hat. Und dann hat mich die Frau an der Albertinakassa kostenlos reingelassen. Das war auch gar nicht so einfach, weil ich gemerkt hab, da liegt schon auch ein bisschen ein unangenehmes Moment darin, einen Ausweis für freien Eintritt zu haben, ob ich da nicht jemandem etwas wegnehme, was sie vielleicht dringender… Ja, soll ich mich nicht so anstellen. Aber in so was spiegelt sich halt der beständige reaktionäre Backlash wider, der mein erwachsenes Leben begleitet, die ständige Provokation einer Neiddebatte von einer Seite, die spontan kaum die Frage nach der Anzahl an Stellen im Milchpreis richtig zu beantworten weiß. Obwohl es beim Kulturpass ja nicht einmal VerliererInnen in dem Sinn gibt. (Auch wenn mir die Schweigsamkeit meines AMS gegenüber dem Kulturpass das Gefühl vermittelt, dass hier mit einer finiten Ressource gehandhabt wird.) Ach ja, so geht halt der Kopf, wenn ich nicht ab und zu jemanden da hab, die mir helfen, ihn mir ein bisschen gerade zu richten.

Das war natürlich ein Versuch, ein bisschen so einen Tag zu machen, wie ich ihn vor drei, vier Monaten vielleicht gemacht hätte, wenn ich nach Wien gekommen wäre, wenn man in Europa unterwegs nach Wien kommt. Zwei Tage Wien bevor man sich auf den Weg nach Budapest, Venedig oder Salzburg macht. Das man s halt gesehen hat. Ich hab in der Früh schon ein bisschen gebraucht, weil wenn ich nicht im Hostel aufwache, dann wach ich eben bei mir daheim auf und da ist der soziale Druck, gleich einmal in die Gänge zu kommen, etwas geringer. Noch dazu ist da ein Kühlschrank und ein, zwei Kaffeemaschinen, eine Schublade voller Tee und jetzt dann auch zwei Katzen. Es gibt also gleich allerhand zu tun und dann setze ich mich üblicherweise auch noch ein bisschen hin und schon ist es Mittag. War s eins, war s zwei, als ich mich endlich auf den Weg und in traditioneller Manier erst einmal zu Fuß in die Stadt aufgemacht habe. Gehört auch ein bisschen dazu, ein bisschen verloren zu gehen und vielleicht ein schönes Haus zu sehen. Wer weiß, schafft s die Stadt mich zu überraschen? Nein, eh nicht. Es ist windig und kühl, aber immerhin schaut der Himmel ab und zu durch die Altostratus und wo der lokale Stolz auf die Donaufarbe im Anblick derselben vielleicht ein bisschen verfehlt erscheint, der Himmel kennt keinen Patriotismus und zeigt sich überall in mehr oder weniger gleichermaßen erfrischenden Tönen.

In der Albertina bin ich zuerst einmal im Keller. Es ist schon erstaunlich und vielleicht ist es nur selektive Wahrnehmung. Aber ich war jetzt schon oft einmal im Museum in den letzten Monaten. Und oft spielt die Inszenierung natürlich schon eine Rolle, wie freistehend ein Objekt ausgestellt wird, wie zugänglich etwas gemacht wird. Da spiegelt sich natürlich auch ein bisschen die Zugänglichkeit und wie sich gerade modernere Kunst dann oft auch einmal vielleicht ein bisschen greifbarer präsentieren will, ohne Rahmen, direkt, greifbar. Aber dabei wird dann doch oft einmal darauf gezählt, dass die Leute ihre Grenzen selber setzen, nämlich dort oder früher dort setzen. Die Freiheit endet da, wo, naja, das Museum sagt dir schon, wo die Grenze ist. Im allerersten Raum eines österreichischen Museums bin ich keine drei Minuten da meldet sich der Wärter und ruft lautstark eine russische Touristin vom Exponat zurück. Achtung! oder Vorsicht!, auf jeden Fall ein gewisses Heda! Und zweimal muss er walten, weil sie sich nicht angesprochen fühlt. Zugegeben, sie hat das Bild einer gründlichen Betrachtung unterzogen und da war wohl ein Finger, der ein Detail hervorgehoben hat. Aber von da, wo ich gestanden bin, hätte ich nicht gesehen, dass da eine Berührung im Spiel gewesen ist. Aber das dürfte der werte Herr Ausstellungsraumsbeschützer auch nicht gesehen haben. So bekomme ich in den ersten fünf Minuten gleich einmal vorgeführt, dass im Wiener Museum (wie im Kaffeehaus), Gäste eher aus einer gewissen Gnade zugelassen werden.

Die Albertina überrascht mit viel Text. Auf den ich im Folgenden mit viel Text reagiere…

(Und der Gnade des langwierigen Überarbeitungsprozesses verdanke ich die Erinnerung an eine Ausstellung in Japan, wo man sozusagen ganz und gar durch das Exponat waten musste, da waren Bälle und Nebelschwaden und Regale und alles zusammengewürfelt. Bin ich auch zurechtgewiesen worden, weil ich mich ein bisschen zu sehr an der Kunst beteiligt hab. Fand ich auch doof.)

Worüber ich dann auch überrascht bin, ist wie viel Text sich die KuratorInnen haben einfallen lassen, um von den Bildern abzulenken. Ha! Nein, das ist natürlich eine Übertreibung, das wird sicherlich nicht im Sinne der AutorInnen gewesen sein. Aber ganz ehrlich, ab dem fünften, sechsten Raum, bin ich tatsächlich mehr mit Lesen beschäftigt. Zuerst bin ich fasziniert von der Betonung des Österreichbezugs der KünstlerInnen. Nach dem dritten, vierten Text, der Österreich als Geburtsland, als Ausbildungsland, als Arbeitsland oder als Urlaubsland, in dem sich die KünstlerIn für zwei Wochen vor der einer mehr oder weniger produktiven Phase ihres Schaffens aufgehalten hat, verliere ich mich mehr und mehr in den Texten. Natürlich ist das nicht ganz fair, mich darüber derart zu amüsieren, ich vermute ja hinter den teilweise übertrieben hochgestochenen Formulierungen ja auch nur die eine oder anderen Unsicherheit, die dort zu verstecken versucht wurde. Ich weiß nicht, welchen Stellenwert diese Texte bekommen, wer die schreibt und mit welchem Auftrag. Und nicht einmal wirklich mit welchem Ziel – worüber vielleicht als erstes Klarheit zu schaffen wäre. Was es vielleicht auch schwieriger macht… ich frage mich, wie viel Feedback die AutorInnen für ihre Texte überhaupt bekommen, weil eigentlich geht s natürlich um die Werke. Ob sich nicht die ganze Textgattung derart ein bisschen verselbstständigt.

Eine e relativ normale Biografie zum Anfangen. Aber man kann sich schon die eine oder andere Frage stellen. Einerseits von der Satzstruktur her: warum diese Nebenherformulierung „der in Österreich geborene“? Und wo hat der Herr Schmalix vor 1987 gearbeitet, nachdem er sich 1983 schon neuen Motiven zuwendet? Wer sind Herbert und Hubert?

Jetzt war ich in den Tagen darauf einen Sprung im Leopoldmuseum und da war letztlich auch viel Text. Und wie haben die das dort jetzt geschafft, dass die dort weniger aufdringlich herübergekommen sind? Pass auf, ich glaube, das ist eine technische Frage. Die haben dort normal die großen Einführungstexte genauso gestaltet, wie auch in der Albertina: links ist Englisch, rechts ist Deutsch und dann hat man einen Meter Text an der Wand. Aber für die einzelnen Bilder gab s die Informationen auf kleinen Taferln, die neben einigen Werken angebracht waren. In der Albertina haben sie aber auch neben den Objekten diese Klebebuchstaben verwendet. Und während ich das ja überhaupt für eine ziemlich affektierte Methode zur Affichierung halte, müssen die aber wohl auch eine gewisse Größe haben. Jetzt kann man die dadurch auch aus zwei Meter Entfernung fast noch zu lesen und damit verhält sich der Text so bisschen aufdringlich gegenüber der im Idealfall in der inneren Versenkung befindlichen BetrachterIn. Ich hab ja die Brille auf. Und dann lenkt das tatsächlich ein bisserl vom Bild ab.

Vor diesem erste Satz, mit dem die Frau Krystufek hier beschrieben wird, bin ich mehrere Minuten gestanden: Sie ist eine Vertreterin von etwas, das selbstverständlich ist? Außerdem kann man den zweiten Absatz auch zur Illustration einer weiteren irritierenden Technik heranziehen, dass nämlich die LeserIn über sich selbst liest, wie sie sich in der Betrachtung der Werke erlebt.

Aber eigentlich fallen mir die kuriosen Formulierungen und der wichtigtuerische Stil auf. Nicht zuletzt, weil ich das ja auch von mir kenne, dass ich mich hinter Formulierungen verstecke, weil die eine Interpretation vielleicht ein bisschen wackelig daherkommt oder das andere Zitat ein bisschen aus dem Kontext gerissen ist und der Text die vielen dahergeredeten Wattebäusche benötigt, damit es im Karton nicht zu rappeln beginnt, wenn ihn jemand ein bisschen zu schütteln beginnt. Ein Schelm… Aber es ist halt schon so, dass man vielleicht ein Auge dafür, gerade die eigenen Unzulänglichkeiten in anderen etwas deutlicher zu erkennen. Und wie auch ich mich im Zweifelsfall immer wieder einmal gefragt habe, ob es denn den Text wirklich brauche, so würde ich den AutorInnen jener Wandtexte diesen Gedanken ebenfalls vorsichtig ins Blickfeld schieben. Weil nicht nur, dass von den vielen verschiedenen KünstlerInnen, die oft mit zwei, drei Werken ausgestellt werden, jeweils diese österreichfixierten Kurzbiografien an die Wand geklebt sind, wird in den Texten zu den einzelnen Bildern tatsächlich oft einmal beschrieben, was auf dem jeweiligen Bild zu sehen ist. It’s right there, mate! Noch dazu, wenn dann im Text beschrieben wird, wie „[a]uf Hitlers Kopf […] der Aktionskünstler Nam June Pail eine Gitarre [zertrümmert]“ (Jörg Immendorff 2006, Ohne Titel) und am Bild ist unverkennbar eine Geige zu sehen. Oder eine Viola. (Also nicht unverkennbar.)

Ich bin ja schon ein bisschen bekannt dafür, dass ich mich vielleicht nicht super-easy auf etwas festlege. Aber hier wird nicht nur einfach festgestellt, dass die „politische Aussage von Kunst“ in Deutschland wichtiger sei, als anderswo in Europa – was ich natürlich schon einmal hinterfragen möchte. Und dann macht das das Immendorf’sche Œvre auch noch deutlich, nicht schlecht. Deutlich macht hingegen der zweite Absatz, dass man die „Weltprobleme“ doch am liebsten in der eigenen Ecke feststellt. Ob man mit der gleichen Vehemenz jene für unbegreiflich halten würde, die globale Brisanz nicht kapieren, die jeweils in der Trennung Koreas, in der indonesischen Palmölindustrie oder im langsamen Tod des Great Barrier Reef liegen?

Man könnte jetzt sagen, eigentlich war ich ja wegen der Sammlung Batliner dort. „Den ImpressionistInnen“, wie ich jetzt immer gesagt hab, wenn mir der Name Batliner nicht eingefallen ist. Aber mir ist dann fast schon ein bisschen die Geduld und der Rücken und das viele Stehen… und ich hatte noch einen Termin, an den ich mich jetzt anstelle des Namens Batliner nicht erinnern kann. Und das war auch noch ganz nett, weil da ein Masterstudent mit einem Fragebogen gestanden ist. Das war interessant, weil er hat ein bisschen was vorher-nachher erhoben, wo er mich, bevor ich reingegangen bin, gefragt hat, wie viel ich positive Gefühle habe und wie viel ich negative Gefühle habe und wie emotional ich erregt bin. Und das hab ich gleich spannend gefunden, dass man das so, auf drei Skalen erhebt anstatt auf einer. Es hat sich auch gleich erprobt, weil ich durchaus ein bisschen negativ aufgelegt war, nachdem ich zwei Stunden lang Bilderbeschreibungstexte kritisiert hab. Das macht die Seele nicht schöner, ganz ehrlich. Zumindest nicht, wenn man nicht darüber redet und sich doch ein bisschen als jemand sieht, der mit einer gewissen Freude auf die Fehltritten anderer… Ja. Aber ich war nicht grauslich im Kopf oder bitter im Herzen, bloß ein bisschen kleingeistig zwischen den Augenblicken: Drei von sieben. Und positiv war ich ja viel mehr, mindestens fünf von sieben. Emotionale Erregung hab ich mir wahrscheinlich vier gegeben. Aber das ist eine schwierige Frage, die vielleicht ein bisschen eine Pilotierung vertragen hätte. Einerseits ist das natürlich so, dass ich mich zwar oft einmal frag, wie s mir so geht und dann vielleicht auch meine positive Stimmung und meine negative Stimmung nebeneinander stellen kann, aber ich merk, ich frag mich zu selten, wie s mit meiner emotionalen Erregung ausschaut. Und andererseits bin auch ich nicht gegen soziale Erwünschtheit gefeit und wenn ich weiß, dass ich da vorher-nachher gefragt werde, bevor ich zu den ImpressionistInnen hineingehe, dann muss ich mir Platz nach oben lassen. Das würde ich sagen, wenn ich da ein bisschen eine Kritik an der Methode anbringen wollen würde: Wenn ich vor dem Raum abgefangen werde und nur gesagt bekomme, dass es diese Erhebung gibt und wenn ich bereit wäre mitzumachen, er sei übrigens Masterstudent von der Kunstuni, ob ich dann nach dem Raum gleich nochmal rauskommen würde, ich könne mir so viel Zeit lassen, wie ich will, aber ob ich dann gleich nochmal rauskommen würde, weil er habe zweieinhalb Seiten Fragebogen für mich, sei gleich erledigt, ja?, super, vielen Dank, total lieb von mir, und er wünsche mir einen schönen Kunstgenuss. Und dann einen zweieinhalbseitigen Fragebogen gibt, der mich am Anfang fragt, ob sich meine positive Stimmung, meine negative Stimmung und meine emotionale Erregung in dem Raum nach oben oder nach unten entwickelt hätten – ich glaube, mit den Antworten wäre mehr anzufangen. Weil natürlich sagt man, lieber keine Erinnerungsfragen und schon gar nicht nach Befinden, das würde ich auch nicht unbedingt machen. Auf der anderen Seite aber eben halt soziale Erwünschtheit und nach einer Viertelstunde die gleichen Fragen und dass das vorher schon absehbar und sicherlich nicht nur für mich, weil ich mein, immerhin, das hab ich schon gelernt, aber trotzdem. Abgesehen davon, dass der Typ wirklich sehr nett war und wahrscheinlich meine positive Stimmung um einen Punkt hochgehoben hat. Oder zumindest, im Zweifelsfall hätte ich aufgerundet.

Eins noch: Öde Behauptungen in langweiligen Hauptsatzaneinanderreihungen und ein fulminantes Finale in einer der erzwungensten Österreichreferenzen: Sein Bildtitel A.E.I.O.U. erinnert vielleicht an den österreichischen Imperialismus, aber Absicht wagt der Text Anselm Kiefer dann doch nicht zu unterstellen.

Was mir noch gut gefallen hat, war, dass sie Geschlecht und Alter einfach mit offenen Fragen abgefragt haben. Weil das ist ja auch so ein Ding, das manchmal nicht so leicht ist, heutzutage, dass man in seinem Fragebogen sagt, Geschlecht: eins, zwei… Aber braucht s nicht langsam mehr als zwei Antwortmöglichkeiten? Weil man darf jetzt nicht vergessen, es gibt da auch eine gewisse moralische Dings, also, nicht, dass es nur darum geht, dass man dann auswerten kann, a-ha, die, die sich als andere klassifizieren, die zeigen eine Korrelation mit diesem oder jenem Verhalten und/oder Einstellungen. Sondern auch, dass man seinen freiwilligen Ausfüllenden nicht noch hinschmeißt, dass man an einem mitunter zentralen Aspekt ihrer Identität eigentlich nur soweit interessiert ist, als er sich in eine von zwei Kategorien pressen lässt, die man sich dafür überlegt hat. Jetzt hab ich das elegant gefunden, dass sie das halt offen gefragt haben. So viele werden die da nicht erheben, hab ich mir parallel dazu gedacht, weil ich natürlich daran gedacht hab, dass das manuell in den Datensatz Eingang finden muss. Elegant fand ich aber auch, dass es nicht einmal einen Hinweis zum Datenschutz gegeben hat, insbesondere, weil ich unten noch meine Emailadresse draufgeschrieben hab. Nicht dem Masterstudenten, sondern da war ein Feld dafür, für eine Folgeerhebung.

Die detaillierte Erhebung des sexuellen Spektrums der TeilnehmerInnen ist auch nicht immer im Sinne der Befragung. Aber ich würde das zum Beispiel schon einmal im Mikrozensus mitlaufen lassen.

Na und dann hab ich mir noch ein bisschen die ImpressionistInnen angeschaut. Hat mir gut gefallen, hat mich emotional noch ein bisschen erregt, zumindest am Papier. Irgendwann war dann eben, dass ich mir gedacht habe, ich bin jetzt eigentlich schon wieder genug gestanden (und ich kann ja jederzeit wiederkommen), ich schenk mir jetzt dem Dürer seine Drucke und selbst den Picasso werd ich jetzt nicht mehr näher studieren. Dann bin ich aber doch noch vor der Eingeschlafenen Trinkerin stehengeblieben und hab überlegt, ob ich der nicht im Sommer in Hiroshima gegenübergestanden bin. War sie nicht, aber für einen Moment ist diese Trinkerin trotzdem eine Leine in etwas hinein oder aus etwas hinaus gewesen. We’ll always have…, mon amour.

tl;dr: no phone

Ich hab mein Telefon in Kyiv liegen lassen und hab deshalb sofort ein paar sehr ruhige Stunden in Wien. Weil halt eben quasi mit normalen Mitteln kaum kontaktierbar. Aber sonst ist alles gut gelaufen, wirklich, es war eine schöne Zugfahrt, in meinem eigenen Abteil. Daneben das Klo, da ist mir durch die Heizungsanlagen manchmal ein bisschen ein Aroma durchgekommen, aber es war eh viel finster und ich bin halt nicht am Fenster und über der Heizung gesessen und dann hat das auch gepasst. Der Zugbegleiter war wirklich sehr lieb mit seinem bemühten Deutsch, das hat mir wirklich gut gefallen. Und selbst das Wienerische war ganz ok, wenn man s nur am Bahnhof mitbekommt.

Aber weil ich im Zug Zeit hatte, hab ich der D. meine Erlebnisse, die zur Hinterlassung meines Telefons geführt haben, zusammengeschrieben. Und ich hab mir gedacht, das stell ich jetzt einfach her, weil ich hab s eh schon zweimal geschrieben und muss es jetzt nicht noch auf Deutsch übersetzen. Insofern:

Here’s the point though: My phone decided to stay in Kyiv. By now I went through my bags and my pockets and I’m ninety-nine percent sure that I’ve dropped it, when I rushed to the train station. You see, I was late. I had spent too much time having fancy breakfasts (Eggs Benedict with smoked roast beef) and even when I finally got up I continued to stroll around town under the watercolour blue sky that we had this morning. Or even at lunch time. But there was a point when my brain finally did the maths so my legs could do the running. “You know, that you have about twenty-seven minutes until your train leaves,” said my brain. “Maybe twenty-nine, I’m not completely sure what the time was.” “Oh shit,” said I, “that’s not going to be enough.”

So my legs said: “We got this”. And thankfully it didn’t have minus ten degrees today, so even though my lungs were protesting, claiming they would have to do most of the work and the legs couldn’t just take all the recognition, the whole ensemble got going in the face of brain’s calculations, in the face of the blue dot on the map and the distance to the orange star and the other orange star. Because I had to get to the hostel first, where they had outrageously charged me an extra 15 Ukrainian Euros for keeping my luggage for a couple of hours. That’s beside the point, but it was not ok even though I did not protest. So I arrived at the hostel, lungs proclaiming loudly how hard they’ve been working, while I would have been able to melt down a decent sized snowman with my face alone.

Thank you so much for everything, I called over to the two girls sitting at reception while I rushed out with twelve measly minutes to go. “That’s not enough,” said brain. “We can’t run with the backpack on the back and the small backpack in front, the balance is all wrong!” chirped up the legs in unison. “Wh… wh… we-he’re still a bit out… of… breath,” wheezed the lungs. “No rest for the wicked,” it probably says in the bible. And I did try to run and while it must have looked like a walrus in a fat-suit, I was beyond worrying about my looks. (For the moment.) My brains were now humming the melody of We’re Not Gonna Make It by The Presidents of the United States of America which put some pressure on the general optimism but at least has a rhythm going that kept me shuffling along. And I was optimistic, because my brain was busying itself by telling the story of how I would be telling the story that I nearly wouldn’t have made it but I did in the end, because of legs and lungs and brains. And look at me and the adventures I have. And I did make it, but really because of nice lady with the car.

I was looking out for taxis or equivalent and I did spot a car that had written uber at the side. Which, you know, I don’t know how that company works and what I know doesn’t help. But sometimes the shirt is closer than the coat and as somebody had just gotten out of the car, I tossed all moral considerations to the side and sort of wobbled over to the car to knock at the window, open the door and finally ask the driver whether she could please, please take me to the train station. She told me that I had to call the number on the side of the car. I said, I couldn’t and – what must have been confusing – held up my phone to make the point. I would pay her in cash, I said. I think she told me to get in, at least that’s what I did and she didn’t react to it like you react to someone getting into your car without your approval. The traffic lights had switched to green and she started driving with my backpack basically still hanging out the open door. But I managed to get myself and my luggage into the car and close the door behind me. I think she wanted to make sure that it was really just the train station I wanted to go to. You know, because it was just a kilometer ahead. And I wholeheartedly agreed with her, especially when she said the word that starts with pas– and is the name of the train station. A bit amused she again pointed at the train station straight ahead and still I would agree with her. That out of the way, we relaxed a bit and I think she commented on me apparently being very late for my train. Well, I said, yes, I am a bit late for my train. She was calm and had a nice voice and even complained a bit when the car in front of us would stop at the corner and we had to stop and wait for them to get moving again. And when I got out of the car with a generous seven minutes to go, she wouldn’t take my money but just wished me good luck or safe travels or god’s speed or maybe all or none of these things. So I got out and rushed into the station, checked my tracks and then had to run along the whole track because of course my compartment is at the very end of the train.

But I made it. Into Ukraine with the selfless help of a driver and out of Ukraine with the help of a driver.

And while I was still running about in that lovely train station, I started to realise that I couldn’t find my phone in any of my pockets. Finally, on the train and after checking all possible places, all the pockets and the bags, I’m pretty sure I must have left it in the car. Of course, the adrenaline for nearly missing my train helps not worrying too much about the loss of my phone now. Besides some artsy pictures of the Golden Gate against the picturesque blue sky I took today, I had transferred all recent pictures to my computer yesterday so not much of a loss there. And on the other hand, of course I count a bit on that nice driver and that she might find the phone or might have already found it while I’m writing this little story down for the second time after the first got swooshed away by the stupid email programme’s failure to safe my email on the hard drive when I tell it to do so and furthermore its failure to show a warning message when I try to close the thus unsaved message. That hurt more for a moment than the loss of my phone.

As I said, I haven’t given up yet. And I’m asking you to play a role in the climactic last chapter of my travel adventures, be my eyes and ears on location. I think my phone shows my email address on the lock screen, so if they find it soon enough there’s a chance she’ll get in contact, fingers crossed. Regrettably, my phone’s battery drops quicker than Obama’s microphone, so there is only a narrow time window. To be honest, maybe I won’t even get this message sent before that battery runs out. And of course you could call or maybe send an Ukrainian message, because I think that also shows up on the lock screen.

Aber ja, hat sich leider niemand gemeldet derweil. Und ich hab mich außerdem daran erinnert, dass ich mir in den letzten Wochen und Monaten, in denen das Telefon in erster Linie ein Aufnahmegerät, eine Fotokamera, ein Stadtplan oder ein Zeitungsabonnement ist, die Batterieschonungseinstellung und schlimmer noch, den Flugzeugmodus zu aktivieren. Jetzt hätte ich ja sogar so ein Programm am Telefon, mit dem ich es über s Netz lokalisiern kann. Aber leider, leider, ohne Netz kann ich s auch nicht lokalisieren. D. ist in Kontakt mit den ubers, aber ich bin derweil einer, der in der Ubahn sein Notebook aufklappt, um seine Mails zu checken, weil das die einzige Art und Weise ist, die ich kommuniziere zur Zeit.

Und eine mehr eine technische Anmerkung: Wenn ich einen Text in diese Oberfläche kopiere, macht er mir manchmal Doppelblancs in den Text. Ich weiß nicht warum, ob nach einem Muster oder nicht. Offen gestanden, hab ich nicht die Nerven dazu, das zu erkunden. Es gibt nämlich wenig, was mich derart aus einem Text herausnimmt, wie Doppelblancs. Und ich hab schon mal probiert, den Text in ein Dokument zu übertragen und dann Alle Ersetzen… und so. Aber wenn ich s zurückkopiere, sind sie wieder da. Insofern bitte ich um Entschuldigung, ich hab ein paar rausgenommen, aber wenn ich welche übersehen habe: Ich bin nicht schleissig geworden auf sowas.

tausend Kilometer westwärts

Westwärts… das ist auch ein komisches Wort, oder nicht? Die Aliteration natürlich, ein Klassiker. Und dann schwingt da doch irgendwo die Versprechung des amerikanischen Jahrhunderts mit. Der Horizont, das neue Land, da verheißt doch irgendwas! Where the skies are blue.

Der Himmel, der eine, den die deutsche Sprache für diesen Fall zur Verfügung stellt, ist auch hier blau. Klirrend, klares himmelblau. (In meiner aktuellen Lektüre steht die Phrase “[the] sky was a clear cerulean”. Hab ich cerulean nachgeschaut: resembling the blue of the sky. Ist das schon tautologisch?) Ja, der Himmel. Blau. Und kalt ist es. Aber ich hab meinen Mantel und meine Schichten und D. bringt mir Handschuhe für unseren Spaziergang. Nicht die, sagt sie, als die grauen ein Loch haben und drückt mir die schwarzen in die Hand.

Kyiv überrascht mit freier Sicht auf den Himmel und hübschen Fassaden

Jetzt. So ist Kyiv schon ganz schön gewesen. Wenn mich D. rumführt dann hör ich doch viel Geschichte, ganz schön viel, ganz schön tragische Geschichte. Insgesamt ist es ja interessant, wie Ukraine an seiner Identität arbeitet, insbesondere vis-a-vis Russlands, das natürlich auch in vergangenen Jahrhunderten nicht immer nur eine guten Freundin gewesen ist, aber doch eine enge Beziehung seit langem. Und hier Eigenständigkeit zu entwickeln heißt halt auch Geschichte aus einer neuen Perspektive schreiben. Aber wie gesagt: Russland steckt überall in diesem Land drin, die Puschkinstatuen, das Bulgakowhaus und natürlich alles Sowjetarchitektur quer durch. In Odessa, so hör ich jetzt, reden die auch gar kein Ukrainisch. Da brauch ich mit meiner Unsicherheit, das nicht unterscheiden zu können, gar nicht schüchtern sein. Weil das wird wohl einfach Russisch gewesen sein.

Das Militär ist präsent ob persönlich oder als großflächige Erinnerung daran, dass das Land im Krieg ist…

Dass ich tatsächlich sehr schwammig bin, bei der jüngeren ukrainischen Geschichte, die Hintergründe für den aktuellen Krieg in Europa so überhaupt nicht parat hab… ich mein, das ist nur damit zu rechtfertigen, dass man sich darum in Mitteleuropa wirklich insgesamt kaum schert. Zumindest in der Öffentlichkeit. Vielleicht ist es auch bezeichnend, dass die deutsche Wikipedia Reaktionen der deutschen und der Schweizer Regierung auf die Revolution der Würde beschreibt, während Österreich auf der Seite nur mit einer (veralteten) Zitation der Oberösterreichischen Nachrichten in Erscheinung tritt. Österreich ist da auch gerade damit beschäftigt, nochmal eine Regierung zusammenzuschustern und der neue Außenminister findet möglicherweise einfach nicht die richtigen Worte. Was soll man sagen. Leute die dafür ihr Leben gegeben haben, um der Europäischen Union näher zu kommen. Das ist den ÖsterreicherInnen vielleicht auch nicht einfach zu vermitteln gewesen, was da passiert.

Na und jetzt läuft da immer noch etwas, was D. immer wieder casually als den Krieg im Osten bezeichnet. Ich mein, in dem Fall natürlich nicht schlecht, dass das Land so groß ist, aber wenn man s weiß, kriegt man s natürlich auch so mit, welche Präsenz das Militär hat. Und das sei nicht nur echtes Militär, sondern auch ZivilistInnen, die sich qua militärchic halt mit der Armee assoziieren, die das Land verteidigt. Das sind schon ungewohnte, unangenehme Realitäten, mit denen ich mich tausend Kilometer von daheim auseinandersetzen soll.

So grantig haben sie ihn vor seine Kyivresidenz gesetzt, den Mikahil B. Oder es ist ihm nur kalt in der dünnen Jacke, kann auch sein.

Tausend Kilometer sagt nämlich die Säule, zentral in Kyiv, die nationale und internationale Distanzen darstellt. Und zwar, sagt D., jeweils von Hauptpostamt zu Hauptpostamt. Zumindest bei den ukrainischen Oblasts, die internationalen wisse sie leider nicht. So was freut mich natürlich, weil ich es für so zivil für so bürgerlich halte. Dieser Begriff, der im Deutschen so schwierig zu fassen ist. Vielleicht weil das Staatsbürgertum insgesamt immer noch so schlecht zu greifen ist, weil es so viel Mühe kostet, die Staatsbürgerschaft von Herkunft und Hautfarbe loszulösen und mit Verantwortung und Engagement zu verknüpfen. Wenn die Sowjetunion das Postamt zum Mittelpunkt der Stadt gemacht hat, dann spricht das zwar nicht unbedingt für ihr demokratisches Verständnis (aber da muss man sich ja nichts vormachen), aber es hat doch etwas hübsches, die Kommunikation zwischen den BürgerInnen derart ins Zentrum zu stellen.

Die St. Andrews Kirche gerade unter Renovation. Aber man sieht hier auch gut, dass Kyiv zurecht für sich in Anspruch nimmt, auf Hügeln gebaut zu sein. Ein ständiges Auf-und-ab.

Häuser haben sie auch schöne gebaut, unterm Stalin. Aber das war s dann auch schon wieder: 1932/33 hat Stalin die ganze ukrainische Ernte nach eingeholt… also mehr beschlagnahmt, sodass die Menschen quasi bei der Ernte verhungert sind. In der Ukraine gilt das jetzt als Genozid. (Wie furchtbar, wie oft ich dieses Wort in der Gegend hier zu hören bekomme!) Die Europäische Union anerkennt das zumindest als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ich kann mich nicht erinnern, davon jemals was gehört zu haben, außer vielleicht als „Stalin war nicht gut“ zusammengefasst.

Die zwei Blöcke auf der linken Seite und der Turm im Zentrum gehören zu dem großzügigen stalinistischen Wohnblock. Ob das in Wien so sehr unter Denkmalschutz stehen würde, dass diese ganzen Satellitenschüsseln und Klimaanlagen verboten wären? Der Stern an der Spitze des Turms ist übrigens ukrainisch angestrichen. Bisschen blau-gelbe Farbe über das kommunistische Erbe…

Wenn ich mich ein bisschen besser mit der ukrainischen Geschichte auskennen würde, dann hätte ich mich vielleicht auch mit dem unangenehmen Brasilianer („…politisch ist Brasilien jetzt wieder auf dem rechten Weg…“) im odessaner Hostel auf eine Diskussion eingelassen, wenn er anderen die niedrige wirtschaftliche Produktivität Ukraines erklärt hat. Wenn s nur dafür gut gewesen wäre.

Wie gesagt: hunderttausende Eindrücke, hab ich den Eindruck, dass ich festhalten sollte. Aber natürlich geh ich spazieren, wenn mir so was einfährt und ich mitunter minutenlang über irgendeine Beobachtung nachdenke. Und wenn ich dann heimkomme, dann setz ich mich auch nicht an den Computer und tipp das alles rein. Manchmal mach ich mir unterwegs eine Notiz oder schreib mal ein paar Seiten voll, wenn ich ein Papier und einen Stift mithabe. Aber dann ist das auch erst einmal erledigt und findet jetzt nicht unbedingt auch noch ins Internet.

You have to be this tall to pray in this church

Als ich im Zug Odessa verlassen habe, sind wir an mehreren Wohnblöcken vorbeigefahren. Das ist natürlich nichts besonderes, dass man in den äußeren Bezirken hohe Wohnhäuser sieht. Was mir aber schon aufgefallen ist, war, dass auch die innere Aufteilung der Wohnungen überall gleich gewesen zu sein scheint, wo in einer Fensterspalte überall an der gleichen Stelle die Deckenleuchte zu sehen gewesen ist.

Die alten Männer im Park. Das ist nicht notwendigerweise die Phase in der Männer das Brettspiel für sich entdecken, aber es ist immer eine meiner liebsten Beobachtungen, wenn ich auf die alten Männer im Park treffe, wie sie über ihre lokalen Strategiespiele gebeugt sind. Hier in Kyiv wird natürlich Schach gespielt. Und zwar auch, wenn s draußen Minusgrade hat. Also, es war nicht so viel los, aber zumindest diese zwei Herren sind da gesessen, ein, zwei Zuschauer und – sehr professionell – eine Schachuhr war auch dabei. In Georgien hab ich interessant gefunden, dass sich im Parkspiel ebenfalls widerspiegelt, wie das Land zwischen verschiedenen Weltregionen liegt: da haben sie Schach gespielt, aber daneben haben zwei Herren um ihr Backgammon gewürfelt und am Ende des Tisches stand eine große Gruppe alter Männer um eine Dominopartie herum.

Man muss eine Stadt einfach lieben, die sich ihre Universitäten so anstreicht.

Die Tauben kommen mir hier so riesig vor. Aber das sind wohl nur die Federn, die sie aufplustern um sich warme Luftpolster zu schaffen. Heute hab ich eine gesehen, die gewirkt hat, als sei sie in einer kleinen Lacke festgefroren, aber ich glaube, sie hat sich aus dem Eis tatsächlich ein bisschen ein Wasser zusammengeschleckt.

Als ich diese Weichselteigtaschen probiert hab, hab ich unabsichtlich ein Geräusch gemacht, so gut waren die: Nng-wowowowow! Weil die Überraschung einfach so gut ist, in diesem aber derart geschmacksfreien Teig diese Sauerkirschenexplosion zu finden. Der einzige Nachteil ist, wie bei vielen positiven Überraschungen, dass man sich leider viel zu schnell daran gewöhnt.

In der Oper haben die Leute übrigens nach jeder Einlage Applaus gegeben. Und natürlich war das auch ein Publikum, die je nach Anzahl und Geschlecht ihre Bravos dekliniert haben.

Über die ukrainisch-orthodoxe Kirche hatte ein bisschen ein Imageproblem in den frühen Neunzigerjahren, nachdem sie so streng zu ihren BesucherInnen war, dass die sich alternative Kirchen gesucht haben. Also: strenger Dresscode, strenger Verhaltenscodex und solche Sachen. Nur mit sauren Gesichtern sollen die alten Frauen die Lockerung der strengen Regeln akzeptiert haben. Die Dame, die während meines Besuchs den Boden aufgewischt hat, hat auch sehr grimmig auf das sich küssende Pärchen (nicht im Bild) gestarrt und hat dann zumindest ihm gedeutet, dass er den Hut abnehme.

In Georgien, aber auch schon in Armenien sind ja wirklich viele Hunde herumgelaufen. Und aber eigentlich immer mit einem gelben Markerl im Ohr. Und das hab ich schon interessant gefunden, dass man so mit etwas umgeht, was ja ein Problem ist, weil man will ja keine Hundebanden, die die Stadt terrorisieren. Und ich nehme an, dass sie die fangen und kastrieren, vielleicht untersuchen und impfen, aber dann wieder wieder freilassen? Das ist irgendwie ein sehr tierlieber Zugang.

In einem überraschend interessanten Podcast hatte Macaulay Culkin den Wesley Crusher… Wil Wheaton zu Gast und es war eine wirklich interessante Unterhaltung, in der keiner von den beiden dabei zurückgehalten hat, über ihre jeweiligen Elternteile herzuziehen, die sie als Kinder in die Schauspielerei gezwungen haben. Und darüber, wie lange sie gebraucht haben, mit dieser kaputten Kindheit zurechtzukommen. Der Wil steigt am schlechtesten bei der Bemerkung aus, dass er findet, dass Discovery gutes Star Trek ist. Und der Mac kommt nicht so gut weg, als er feststellt, dass seine aktuelle Freundin so alt wie der Sohn seines Gasts ist. Auch wenn der in erster Linie das Kind seiner Frau ist. Und der Wil ist auch acht Jahre älter, stell ich grad fest.

Das sind die drei mythologischen Gründer Kyivs. Und ihre Schwester Lybbidie. Und warum die drei einen eigenen Wikipediaeintrag haben, in dem die Schwester nur nebenher genannt ist, das ist wohl das Patriarchat. Die Ästhetik ist ziemlich die gleiche wie bei den Plastikfiguren von Scythe. (Was mich wiederum daran erinnert, dass ich an einer anderen Statue zum ersten Mal verstanden habe, dass eine Sichel ihre Form auch hat, um eine Garbe Getreide zusammenzuhalten.)

Und Любэ. Seit ich in Armenien immer wieder Russisch zu hören bekommen habe, schwimmen mir regelmäßig die ein, zwei Nummern, die ich von der Band so halbwegs im Kopf hab, durch den Kopf und entwischen auch einmal den aufeinander gepressten Lippen – wenn s da auch nur ein gesummtes Entkommen gibt Also mehr so lautmalerisches Geheule. Und weil das damals ja ein exotisches Geschenk war, eine Audiokassette mit russischer Rockmusik… und ich fand manche Nummern tatsächlich ganz gut. Ah! Die Unschuld der sprachlichen Nackerbatzerln! Als ich meine Kenntnis und Wertschätzung der Band dann das erste Mal einer Russin gegenüber erwähnt hab, hat die schon einmal vorsichtig das Gesicht verzogen und nur ein bisschen angedeutet, dass da vielleicht ein bisschen Kontextinteresse vonnöten wäre. Nun. Die Band gibt s immer noch. Nicht nur das, der russische Präsident bezeichnet sie als seine Lieblingsband. Und auch der Sympathieträger Ariel Scharon hat wohl ebenfalls einmal seine Wertschätzung für die Band ausgedrückt. „Starker patriotischer Einschlag…“ sagt die Wikipedia. Und mir wurmt das das Ohr.

Und jetzt pack ich mich zusammen für einundzwanzig Stunden Zugfahrt.

zugig

Vielleicht ist die Kälte leichter handzuhaben, weil es mehr wie ein mich ihr aus eigener Kraft aussetzen wirkt. Weil nicht einfach die Stürme gekommen sind und der Regen und der Himmel sich verfinstert hat, weil der Sommer nicht überschwemmt und ausgedämpft wurde. Sondern weil ich mich auf die Fähre begeben habe und dann in den Zug gestiegen bin. Und aus eigener (geborgter) Kraft in den Winter gefahren bin. Und jetzt kratzt die Temperatur an den zweistelligen Minusgraden und ich krieg mich ehrlich gesagt kaum ein vor Freude über die eisige Nasenspitze, über die klirrenden Bäckchen. Über die rotgefrorenen Gesichter der anderen, wie sie mir aus ihren pelzumkranzten Kaputzen entgegenblicken.

Zugegeben, in Odessa war ich ein bisschen Ausrüstung nachbessern. Dabei hab ich bloß vier Schichten angehabt und unter s T-Shirt hätte ich locker noch ein Unterleiberl gekriegt und ich hab auch nie die Jacke über s Sakko angezogen. Hätte ich dem Wetter noch getrotzt! Aber da war s mir kühl, und das waren noch knappe Plusgrade. Aber dann hab ich mich durch die Humanas gewühlt und im dritten Geschäft dann einen Mantel gefunden, bei dem mir die Schultern nicht bis an die Ellenbogen gestanden sind. Und jetzt hab ich einen Mantel der zwar dünn wirkt, aber trotzdem ziemlich warm hält. Und einen Schal. Zwar bietet der Mantel so viel Kragen und dementsprechend viele Knöpfe, dass ich mich darin fast bis zum Scheitel einwickeln kann, aber so seh ich noch was von der Umgebung.

Jetzt. So viele Eindrücke in Wirklichkeit. Als ob ich nochmal alle Sinne extra aufgedreht hab und die ganze Erinnerungspalette weit ausgebreitet, alles anschlussfähig, alles assoziierbar. Herrrreinspaziert, einmal geht noch: Nationalismus, Einsamkeit, Freiheit, Sicherheit, Vertrauen, Angst und Wut, Kunst, Männlichkeit, Selbstverwirklichung und der Moment in der fernen Zukunft an zum allerletzten Mal jemand an mich denkt.

Odessa hat mehr Stiegen aber nur eine, auf denen sich Leute bedeutungsschwer fotografieren. Odessa hat ein Opernhaus, in dem man für zwanzig Euro auf den besten Plätzen sitzt. Odessa hat viele holprige Straßenpflaster und den Charme abgeklungenen Ruhms. Vor dem Museum wird die Straße aufgerissen und für jemanden, der Absperrungen und Umleitungen gewöhnt ist, stellt die allgegenwärtige Baustelle ein bisschen eine Herausforderung dar. Hier… einfach… quer drüber? Wichtig ist, sich nicht zusammenschieben lassen und ideal wär wahrscheinlich, den Leuten nicht in die Arbeit steigen. Es ist vielleicht keine Überraschung, wenn diese Situation in mir die Beobachtung weckt, dass ich stark daran orientiert bin, was in einer Situation alles falsch zu machen ist.

Ein ruhiger Tag für die leere Potemkinstiege. Insgesamt geht s viel auf und ab in Odessa

Im Museum warten ältere Frauen mit Kopftuch die Ausstellungsräume, die gerne ein bisschen mit einander plaudern, während ich über den knarzenden Parkettboden steige. Ich hab mich – von wegen abgeklungenen Ruhms – für die Vergangenheit entschieden, vielleicht wird die moderne Kunst auch hier (wie in Tbilisi) von den jungen Menschen betreut. Aber es ist nett, auch das trägt zum Charme bei. Draußen ist es grau und kalt während drinnen Kunstlicht auf fünfhundert Jahre Kunstgeschichte scheint. Und auch interessant natürlich das zwanzigste Jahrhundert, weil das nicht nur die naturalistische Malerei über den Haufen wirft sondern natürlich vom Widerstand gegen den Stalinismus geprägt. Die Frauen und Männer, die im Widerstand gegen ein repressives System neue Formen der Darstellung und damit neue Perspektiven entwickeln. In Tbilisi scheint mir daraus zwar mehr nationale Identität gezogen worden zu sein, aber das war vielleicht auch da spezialisiertere Museum.

Aber wo das Museum für mich scheint, sind die Darstellungen von gesellschaftlichen Situationen des späten neunzehnten Jahrhunderts. Leider sind die Bilder meist hinter Glas und es gelingen mir kaum Fotografien, auf denen sich nicht die Beleuchtung spiegelt. Es sind oft so private, halb-öffentliche Situationen von so Mittelklassepersonen, beispielsweise After the Party, auf dem betrunkene Soldaten ihren Rausch ausschlafen, während zwei Frauen interessiert (belustigt?), vorsichtig bei der Tür hereinschauen. Oder Visiting the Poor, auf dem Vater-Mutter-Kind bei einer armen Familie hereinschneien und großartig die gelangweilte Teenagertochter. Oder Hiring a Maid, auf dem eine Familie ein Kindermädchen interviewt, die Mutter streng, der Vater mit seiner Pfeife beschäftigt, die Haushälterin im Hintergrund skeptisch, die Kinder versuchen ihre gespannten Blicke zu kaschieren. Vielleicht lege ich zu viel von meiner geschichtlich und geographisch wirklich unterschiedlichen Perspektive in die Interpretation hinein, aber ich sehe in den Bildern eine amüsante und vertraute Menschlichkeit.

Oder hier, tragisch und brutal, aber ein witziges Sujet.
Sick to death of her (1897)
A.V. Makovskiy (1869-1924)
Aber auch von den modernen Sachen hab ich ein paar ganz schön, ganz schön beeindruckend gefunden. Man sieht nicht, dass das Bild sicher zweieinhalb Meter breit ist.
Polot (Flug) (1965)
A.P. Azmantschuk

Am Abend sitz ich in der Oper im Barbier von Sevilla. Es sind nicht die besten Plätze, aber immerhin Parkett um grad einmal zehn Euro. Die Oper ist nur zu einem Drittel gefüllt. Ich hab in der ersten Pause ein bisschen eine Unterhaltung mit der Dame, die kurz vor Beginn von einem der hinteren Plätze auf den Sessel neben mir huscht. Da krieg ich gesagt, dass sie im Sommer üblicherweise voll ist, die Oper, aber hier wie da sind s in erster Linie TouristInnen. Ich bin ein bisschen überrascht, dass der Barbier nicht nur die Komödie spielt, als die sie geschrieben ist, sondern noch ein bisschen dicker aufträgt, mit einigen vermutlich zusätzlichen Einlagen, jetzt nicht direkt Slapstick, aber halt körperlicherer Humor. Einmal gibt s eine kleine Nachfrage auf Ukrainisch, die Reaktion darauf lässt mich annehmen, dass doch einige UkrainerInnen im Publikum sitzen. Ich bin gut unterhalten, auch wenn die Übertitel nur auf Ukrainisch gezeigt werden und ich die Handlung entlang der Zusammenfassung im Programm folgen muss, die kaum ein Pixibuch füllen würde. Aber das tut die Handlung wohl kaum wie sie ist.

Weiß und Gold, das ist so der Standard. Und das sei übrigens, sagt meine Sitznachbarin, echtes Gold. Ich überlege ein bisschen wie viel Gold man für so einen Bühnenbogen wohl braucht. Aber ich weiß wirklich nicht wie viel Gold man so zum Vergolden braucht, also keine Ahnung.

Also ja, volles Kulturprogramm für mich in Odessa. Ich bin mehr auf der Suche nach Möglichkeiten, nicht dem Wetter ausgesetzt zu sein. Aber ich geh auch viel spazieren von hier nach da und zurück. Wie gesagt, das Straßenpflaster ist ein bisschen holprig überall in der Innenstadt und die Häuser haben auch schon bessere Tage gesehen. Aber es ist hübsch und ich freu mich über die Lichter und die Gesichter der Leute, die schneller und ernsthafter als in wärmeren Ländern durch die Stadt marschieren. Ich freu mich auch über den Frost in meinem eigenen Gesicht. Das allerdings so wirklich erst in Kyiv, wo die Minusgrade wirklich zupacken, aber wo auch die Sonne scheint und der blaue Himmel aus der kalten Luft eine Erfrischung macht.

Ich hab mir einen Nachtzug für von Odessa nach Kyiv genommen. Weil es sind doch vierzehn Stunden zwischen den zwei Städten. Ukraine ist einfach enorm groß, man übersieht das vielleicht ein bisschen weil Russland daneben (und ja nicht nur daneben sondern auch ein schönes Stück überlappend) liegt. Interessanterweise gibt s von Odessa trotzdem einen Zug nach Moskau.

Und die Zugfahrt verläuft flott und ereignislos, man mag s kaum glauben. Natürlich nicht so einfach am Bahnhof meinen Bahnsteig zu finden. Mein Kyrillisch ist ja immer noch so, dass ich ein bisschen stehenbleiben muss für ein längeres Wort. Heute bin ich am Soziologieinstitut vorbeigelaufen und war schon drei Meter vorbei, bis ich das Wort in meinem Kopf endlich ausbuchstabiert hatte. Hab ich umgedreht und das Schild nocheinmal mit einer stärkeren Anerkennung angeschaut. Schnell gehen mittlerweile die Notariate und die Apotheken. Davon gibt s irrsinnig viele, so scheint s. Oder es ist gerade das, dass das Worte sind, die ich mittlerweile schon fast auf einen Blick erkenne. Beim нотаріус les ich immer noch hot… aber dass das р ein r ist, das ist dann automatisch und so kann ich dann in der Mitte des Wortes schon zum Lesen aufhören, weil ich an dem Fehler den ich am Anfang mach, mich schon an das Ende erinnere. Und аптека sowieso. Ein Blick und Apotheke.

Und das ist auch nicht das Київ Kyiv ist, das ist nicht das Problem. Das Problem ist Bahnsteig und dann ist da noch ein Wort, von dem ich nicht mal weiß, was es heißen könnte. Und überhaupt ist das ganze Ticket mit Zahlen und Buchstaben vollgedruckt, die möglicherweise die Zwischenstationen und die Uhrzeiten sind, an denen wir wo stehen bleiben. Aber ich nehme an, dass die Leute, die nicht den Bahnsteig entlanglaufen MitarbeiterInnen der Bahn sind und die sind dann auch sehr hilfsbereit. Nachdem ich den Hinweis тридцять-шість nicht verstehe, bringt man mich dann bis zu meinem Bett. Nummer sechsunddreißig. Zwei Mädels sitzen bereits auf einer Bank, von denen die eine ein Telefonat führt, über das die andere regelmäßig die Augen verdreht. Es ist ganz lustig nur so den Tonfall und die Sprechweise zu belauschen, während ich vom Vokabular ja nur die dezidierten Bestätigungen und Verneinungen mitbekomme.

Ohne eine Durchsage oder irgendein Pfeifen startet der Zug. Die beiden Mädels machen sich alsbald die Betten und liegen darin um halb neun bereits zugedeckt. Aber mir ist das recht, ich lieg in meinem Bett ja auch lieber als schweigend auf engem Raum nebeneinander und einander gegenüber zu sitzen. Um zehn sind die Mädels aber schon wieder auf und am zusammenpacken, weil die steigen schon aus. Tsk!, greif ich mir ein bisschen an den Kopf, aber warum nicht. Wer für Liegewagen zahlt, möchte auch liegen. Es kommt etwas später noch jemand in unser Abteil, und ergreift dann auch dankbarerweise die Initiative, das bereits gedämmte Licht endgültig abzudrehen. Und ob man s glaubt oder nicht, ich schlaf dann durch von zwei bis sieben. Ratzfatz. Sicher, ein bisschen sorg ich mich, weil da nicht mal ein Netz oder was ist, dass ich mich umdreh und in die Tiefe stürze. Aber passiert natürlich nicht, weil ich kann ja schlafen, bin ja nicht blöd.

Im Bettzeug ist auch ein Handtuch beigepackt, mit dem ich mich grad noch ein bisschen frisch mache bevor wir schon in Kyiv stehen und ich aussteige und in den neuen Tag und den sich darüber spannenden blauen Himmel hineinstarte.

Ich mag ja orthodoxe Kirchen mittlerweile wirklich gern. Mit ihrem Gold und ihrem Bunt. Und drinnen keine Bänke und insgesamt mehr wie ein Tempel, wo man zu verschiedenen Ikonen geht, vielleicht je nachdem, wofür man grad auch betet… Und wenn die Leute auch nur an einer Kirche vorbeigehen, bekreuzigt sich die Hälfte. Die Männer den Hut ab, die Frauen am besten einen Hut auf. Und natürlich der Weihrauch und die Männer in den schwarzen Röcken. Nur die Ikonen, das versteh ich immer noch nicht ganz, was da mit denen ist. Aber vielleicht erschließt mir das vielleicht einfach nicht, mit der Gleichgültigkeit, mit der ich Religion begegne.