…draht a schleifn umman eiffelturm und frågt mi, wo i hiwü.

Und ich sag: nach Lainz. Weil ab und zu ist mir dann mehr oder weniger anlassgebunden doch einmal kurz alles zu viel, wenn das AMS hat ein Mail schreibt (am Feiertag, Bullies!) und die Nachbarin die Abendfestivitäten einleitet. Zusammen mit dieser latenten Hintergrundanspannung durch die fortwährende Lebenswegsuche… Und nicht einmal, dass ich was gegen Hoffeierlichkeiten hätte, also lautstärkehalber oder so. Die machen schon gute Musik an. Eher weil ich selbst ja daran scheiter, in der Situation, wo ich allein nebenan sitze und drüben haben sie s lustig, denn mich tatsächlich dazu zu setzen – dafür scheint mir die leichte Schulter nicht belastbar genug zu sein. Aber ich hab gelernt aus den Wochen des Allein-Daheim-Sitzens oder aus den Monaten des Allein-durch-die-Welt-Fahrens. Oder aus Jahren des Allein-den-Alltag-Überlebens. Und das Lernen ist ja nicht einmal das wichtige, sondern, dass ich mich zur Anwendung des Gelernten durchgerungen hab.

Ich bin also auf mein Rad gestiegen und hab mir gedacht, ein bisschen die frische Luft, ein wenig die körperliche Betätigung, ein Stückchen eine andere Szenerie, trauen sich die Nerven vielleicht wieder ein paar Sprossen die Leiter herunter. Und zuletzt bin ich in die Stadt gefahren, was immer ein bisschen in die Richtung ist, die ich mit Arbeit assoziiere und von dem her schon nicht super. Aber darüber hinaus ist dann die Donau und da sind Verladebahnhöfe und Kraftwerke und allerhand industrielles Zeugs, das hat mir gut gefallen. Da bin ich dann schon beeindruckt, was alles geht. Und dann die Donauinsel und so, das ist ja wirklich schön, da kann die Stadt Wien schon froh sein, dass ihnen das passiert ist. Und das war auch schön, so viele Leute zu sehen und dass eh viel Platz ist und selbst wenn die Polizei der Meinung war, so viel Präsenz zeigen zu müssen (anstatt, eh das übliche: SteuerhinterzieherInnen nachzugehen, Sensibiliserungsworkshops und Deeskalationsfortbildungen zu besuchen oder den Staat dort zu repräsentieren, wo s nichts zu sehen gibt). Aber das ist schon lange her und längst vom Lauf der Coronaumgangsentwicklung überholt.

Ich mein, man kann sich das durchaus auf der Zunge zergehen lassen: „das Betreten öffentlicher Orte [ist] grundsätzlich verboten. Eine Ausnahme ist, wenn Sie […] unterwegs sind.“ Dem dritten Absatz fehlt überhaupt ein bisserl die Grundlage, möchte ich behaupten, aber damit schließt er wohl auch mit der aufgeblähten Formulierung „wirksam einzudämmen“. Und wenn man dann noch Zeit hat, kann man noch „nicht gestattet“, „ersuchen Sie, dies zu unterlassen“ und „konsequent einschreiten“ gegeneinander abwägen. Entweder waren die für die Gestaltung dieser Hinweistafel zuständigen, sich nicht über die geltende Rechtssituation im Klaren oder man wollte sie nicht kommunizieren.

Für die Abwechslung bin ich dann also in die andere Richtung gefahren. In meinem zweidimensionalen Weltbild war das der Westen. Weil im Westen gibt s den Wienkanal und das ist mitunter das Schönste, find ich. So von Natur und Urbanität und Platz und Beanspruchung und Variation und Zugänglichkeit. Wirklich gut. Ein Pech, dass die Gestaltung nur oberhalb von Hietzing umgesetzt worden ist. Weil man könnte sagen, das ist eine Gegend, in der s eh relativ grün ist, die brauchen vielleicht nicht noch ein Naherholungsgebiet. Und vielleicht erklärt sich dadurch die verhältnismäßig dünne Nutzung. Aber das kann ja auch keine Taktik sein, dass man dort, wo man s nicht braucht, Naherholungsmöglichkeiten schafft, die dann attraktiv bleiben, weil sie nicht überlaufen sind.

Aber egal. Da bin ich ein bisschen vor mich hingeradelt und das war dann auch ganz schick. Weil das ist zuerst schon ganz hübsch und dann – stadtauswärts – wird s nochmal hübscher, weil grüner und wilder und dann, fast unerwartet, wird s nämlich nochmal hübscher, weil es dann fast schon grün und wild ist. (Ein Graureiher, bitte!) Bloß, dass es dann schon wieder zu Ende ist. Also, vorher kommt noch so eine Passage, wo der Weg plötzlich viel zu schmal ist und dann haben sie den nochmal halbiert und extra Kopfsteinpflaster gemacht, dass die Leute nur auf einer Seite rasen können, während die ihnen entgegenkommenden zum andauernden Holterdipolter und dementsprechenden Grimassenschneiden verdammt sind. Ich glaube, da hat s auch noch nie eine NutzerIn gegeben, die diese Gestaltung gelungen gefunden hätte. Und vielleicht ist das so ein Unterschied zwischen da wohnen und da entdecken: Ich bin schon froh, dass es den Weg gibt, weil eben Grün und Wild. Aber der Lösungsansatz ist offenbar, die Situation bewusst zu verschlechtern, um eine vorsichtigere (und geringere) Nutzung zu provozieren. Dabei bin ich ja nicht einmal grundsätzlich gegen diesen Ansatz ist, merke ich grad. Ich glaub, ich halte es einfach für unpassend, das in einer Naherholungssituation zu nutzen.

Da klingt s aus dem Wald. Unabhängig von Zeit und Lust, sollten sich übrigens hier alle auch durch die Geräuschkulisse eines britischen Waldtags scrollen.

In meinem Fall hat das dazu geführt, dass ich mir gedacht hab, lieber eine andere Route zurück. Immerhin bin ich da also schon auf anderen Gedanken gewesen. Ist ja auch ganz praktisch, wenn man sich einmal über was ärgern kann, was außerhalb einem selbst liegt. Und weil man da am Ende eh schon bei diesen Überlaufbecken ist, bin ich dort auf die andere Seite des Flusses und hab zuerst noch den Kamelen vom Circus Safari beim Essen zugeschaut, bevor sich mein Auge in den von der Abendsonne beschienen Überlaufbecken und der darin enthaltenen Natur verloren hat. Und dass ich dann über die Westausfahrt geklettert bin und auf der anderen Seite überrascht vor einem aus verzerrten Kindheitserinnerungen bekannt wirkenden Lainzer Tiergartentor gestanden bin, lass ich hier durchaus dafür stehen, dass ich mich nie besonders um meine Wienorientierung gekümmert hab. Aber so sind da mit den Becken auf der einen Seite und dem Tiergarten auf der anderen plötzlich zwei Sachen zusammengefallen, die ich aus verschiedenen Kontexten zwar gekannt, aber nie selbst wirklich genutzt gehabt hab. Immerhin fahrt da die Autobahn durch und dadurch wird das eh alles ein bisserl zum Unort.

So hab ich wieder was gelernt und schau an, war ich neugierig genug, dass ich tags drauf noch einmal auf s Rad gestiegen und in den Lainzer Tiergarten gefahren bin. Natürlich, da ist schon auch noch ein Reststress, dass ich lieber nicht daheim sitze, wo die Entscheidungen ungetroffen im Raum hängen. Aber es war schon auch diese Neugier und da etwas zu sehen, zu entdecken, zu erschließen. Es ist selbstverständlich schon anders, als wenn ich durch sagnwarmal Kagoshima spaziere. Entdecken hat schon einen anderen Geschmack. Weil eigentlich such ich ja doch etwas, was das Hier-Leben vielleicht lebenswert macht. Und warum nicht mal dort nachschauen, wo Wien seine 53% Grünflächenanteil versteckt. Nämlich hinter einer Mauer.

Zwei hatte ich schon im Mund, bis mir in den Sinn gekommen ist, zumindest das Erdbeerbild zu teilen. Damit ist jetzt quasi Sommer…

Der Lainzer Tiergarten ist prinzipiell wirklich ganz nett. Es ist schön, einen Wald zu haben, der… ein echter Wald ist. In der Stadt! Wo man ins Grün schauen kann und wo man den Wald hört und – wenn man erst einmal weit genug von der Westausfahrt weg ist – auch nur mal nichts anderes als den Wald hören kann. Wo man genug Entfernung hat um den Blick auch schweifen zu lassen und es bleibt Wald, wenn die Anhöhe es denn zulässt. Und wo man einem Wildschwein begegnen kann. Ich hab mir ja vorgenommen gehabt, nicht umzudrehen und mich sozusagen panisch aus dem Staub zu machen. Sondern wo auch immer ich das her hab, lieber mit dem Blick auf das Wildschwein langsam meine Schritte nach hinten zu setzen. Aber in dem Moment wo vor mir dann eines durch den Wald gelaufen ist, war ich mir doch nicht mehr sicher, wie sehr ich das nicht aufgescheucht hätte und vielleicht lieber doch einmal Distanz als Mindgames. Vor lauter Stolpern hab ich mir da aber schon gedacht, wäre auch ganz gut, wenn der Wald vielleicht ein bisschen besser aufgeräumt wäre. Aber abgesehen davon, dass ich gerne ein paar Hinweistafeln für den Umgang mit Wildschweinen gesehen hätte, sollte wohl mal jemand eine Grafik machen, welchen Tieren man lieber in die Augen schauen soll, damit sie einen nicht töten wollen und welchen Tieren man auf gar keinen Fall in die Augen schauen soll, damit sie einen nicht töten wollen. Ich hab das Gefühl, da gibt s solche und solche…

Da hab ich mich wirklich ins Zeug gelegt, um diese Akelei ordentlich ins Bild zu bekommen. Und weil ich mit Blumen schlecht bin, hab ich die ja erst vorhin identifiziert (letztlich mit Bildersuche: „violett Waldblume fünfblättrig“). Dreihundert Meter weiter sind dann ganze Büsche davon herumgestanden, in bunten Farben. Bisschen abgewertet hab ich meine einzelne Waldrandsakelei dadurch empfunden.

Aber deshalb herrscht ja, wie ich auf der Infotafel beim Ausgang gelesen habe, Weggebot. Für meine Wildschweinbegegnung habe ich dieses zugegebenermaßen gebrochen gehabt. Weil… schau. Erstens hab ich s nicht gewusst. Weil es gibt viele Regeln für den Lainzer Tiergarten und die sind in grün designt, die hab ich gar nicht erst gesehen, wie ich den Wald betreten hab. Und ich hab ja auch erst im Laufe des Ausflugs mein Bedürfnis für Hinweistafeln realisiert. Aber wer ist auf diese Idee gekommen, dass der Weg betoniert sein muss. Es ist wirklich, ich mein: wirklich frustrierend, dass man Wald und Flur auf Beton quert. Es war relativ viel Verkehr, also etwa eineinhalb Autos die Stunde und ich seh ein, dafür ist das praktisch. Dass dann wiederum Radfahrverbot ist, ist ein bisserl traurig, weil da wäre der Beton wiederum ganz willkommen. Mir zumindest, gibt ja solche und solche. Also nochmal Minuspunkte für die Weggestaltung, liebe Stadt Wien.

Lustig, dass der Person, die hier anschauungshalber das Weggebot verletzt, offenbar jemand die Beine zusammengebunden hat.

Wenn drei Autos in zwei Stunden viel sind, dann sind zwanzig Leute in zwei Stunden relativ wenig. Aber wiederum ist das ein bisschen schade, weil Wien gern von seinen Grünflächen redet und dann sperrt man in der Panik nebenher die Bundesgärten zusperrt, aber das ist ja nicht die Entscheidung der Stadt Wien. Aber zugegeben: wenn man im Sommer durch den Burggarten geht, dort noch Platz für seinen Babyelefanten zu finden: oft nicht so einfach. Und dann wiederum riesiges Waldgebiet und nur eine Handvoll nasale SeniorInnen. Wär natürlich ideal, wenn man den Leuten hüben wie drüben angemessen Grünflächen bieten könnte. Nicht tut man das, indem man Wege betoniert und beinhart das Rotkäppchen durchzieht.

Was aber, wenn Peter den Wolf nicht gefangen hätte, was dann?

Aber wodurch der Lainzer Tiergarten letztlich wirklich verliert, ist, dass er mir vom Pulverstampftor aus keine Runde macht. Und ja, er macht von anderen Toren aus eine Runde und man kann sich das ja vorher anschauen und drittens bin ich ja gerade extra bis zu dem Tor gefahren, weil s mir vom Schuss gewirkt hat. Dass jetzt die genannte verhältnismäßige niedrige SpaziergängerInnenfrequenz nicht unbedingt für den ganzen Lainzer Tiergarten gilt, sondern vor allem für die Ecke, wo man nur hin und her gehen darf, das kann natürlich sein. Da hab ich dann ein zweites Mal dem Weggebot widerstanden und bin hinter dem Grünauer Teich herum wieder zurück Richtung Fahrrad gegangen. Ad Grünauer Teich: Es ist wenig überraschend, das der eingezäunt ist. Und trotzdem: Da hat man einen Teich und dann… na gut. Lebt die Natur drin. Und kann nicht immer ein Rettungsschwimmer daneben stehen. Aber eines von diesen Hinweisschildern hätt s nicht auch getan? Dass man einen Stein über die Wasseroberfläche flitzen lassen kann vielleicht? Oder nach dem einen Biber Ausschau halten kann, dem der Grünauer Teich laut Auskunft Heimat bietet? Ein tristes Bild, übrigens, dass es da in Hietzig einen eingezäunten Teich gibt, in dem ein einsamer Biber sein Dasein fristet. Da kann er ja nicht mal einen Damm bauen, vor lauter stilles Gewässer.

Ein bisschen eine Kritik hätte ich da übrigens noch. Ich hab mir im ausländischen Wandern oft einmal gedacht, dass ich in Österreich immer wieder mal eine Quelle in Erinnerung hab, dass man sich nicht selbst sein Wasser tragen muss, weil man ja eh dran vorbeikommt. Also, dass da wo ein Hahn ist oder ein Trog. Das ist das wunderbarste, was man dem Wandersmensch unter die Arme und nicht zuletzt (nachdem man ja ein unverbindliches Angebot macht) müden Beine greifen kann. Natürlich ist das am Berg leichter, weil s da wirklich nur die Dings ist, dass man eine unterirdische Quelle halt kurz in ein Rohr leitet, den WandererInnen zu trinken gibt und dann wieder zurück in den Boden und mach dich wieder auf den Weg ins Tal, mein Wässerchen. Jetzt bin ich im Lainzer Tiergarten durchaus so einem Baumstammtrog begegnet, in den sich bedarfsweise das kühle Nass ergösse, nur ward dran ein Kein-Trinkwasser-Schild angebracht gewesen. Und wieso… wieso gibt s hier ein Kein-Trinkwasser? Für Leute, die beim Weggebotverletzen in den Schlamm gestiegen sind? Für die Nur-knapp-mit-dem-Leben-Davongekommenen, sich Wildschweinblut von Hirschfänger und Händen zu spühlen? Hat jemand gar die Schmutzwäsche auf einen Spaziergang mitgenommen? Könnte man besser machen. Ich nehm an, da ist irgendwo ein altes Rohr und anstatt das auszubessern klebt man halt ein Hinweisschild.

Auf der anderen Seite lässt der Lainzer Tiergarten seine BesucherInnen ab und zu auch in der Eigenverantwortung überlässt und es bleibt einem dann selbst überlassen, die aktuelle Hinweissituation zu interpretieren.

So bin ich letztlich wieder raus, beim Pulverstampftor. Das hat sicher auch noch eine spannende Geschichte, wie es zu dem Namen gekommen ist. Warum ein Tiergarten… ja, ich mein, das könnte man noch diskutieren. Aber das ist schon ok. Wien ist hier einfach ein bisschen Berlin, da darf man sich ja auch nicht immer erwarten was draufsteht. Also ganz ohne alles, wieder raus beim Tor und dann bin ich zurück wieder über s Wiental gefahren. Weil hin bin ich, für verbesserte Zielsicherheit, durch Hietzig. Was auch hübsch ist. Und ich kann mir schon vorstellen, dass wenn man in diesen Alleen lebt, dass einem dann ein bisschen das Gefühl dafür fehlt, wie trist wohnen in Grau in Grau ist.

Nu, und nach diesem Ausflug hat sich die körperliche Müdigkeit grad so mit der geistigen Angeregt gepaart gehabt, dass es sich geradezu richtig angefühlt hat, mich damit an die Maschine zu setzen. Fast, als ob das was wäre, dem ich Ausdruck verschaffen möchte. Und vielleicht den Hinweis, für die Zukunft: Wer auf heranfliegende Käfer schreckhaft reagiert, vielleicht nicht im gelben T-Shirt durch den Frühlingswald laufen.

+ Neu

Hindsight, so sagt man, is twenty-twenty. Dementsprechend lädt mich die Jahreszahl eh schon einmal mehr dazu ein, eher zurück zu blicken, denn nach vorne. Mittlerweile mischen sich Tulpen unter die Weihnachtssterne, die hier und da noch herumstehen, aber ich wehre mich immer noch ein bisschen dagegen, anzukommen. Oder auch ohne: wehre ich mich dagegen, anzukommen. Ich würde das so sagen: Wie ich angekommen bin, hat es noch gewirkt, als würde ich ankommen. Aber dann hat sich irgendwie der Eindruck durchgesetzt, ich sei einfach zurückgekommen und Wien ist nicht die nächste Station auf einer Reise, dieser – weil ich jetzt schon in dieser schalen Metapher Platz genommen habe – lebenslangen Reise. Es war eine Ausnahmesituation und ich bin zurück und es ist schwierig, den Erinnerungen und Erfahrungen einen Raum zu geben in diesem Alltag, den ich immer schon als so eng erlebt habe.

In Wahrheit bedeutet 20/20 auch nicht mehr, als dass man normale Sicht hat, also aus sechs Metern Entfernung erkennt, was man normalerweise aus sechs Metern Entfernung erkennen sollte. Und das sind dann halt auch etwa zwanzig Fuß. Das hat sich der Herman Snellen der Ältere ausgedacht (Utrecht, 1962).

Es ist schön, in Wien zu sein, es ist, auch so sagt man, schon schön, wieder in Wien zu sein. Ich bin bloß noch ein schönes Stück hilfloser als zuvor, in dem Versuch, meine Zeit zu gestalten. Es war ein bisschen eine gemeinsame Anstrengung, dass ich s Ende letzter Woche tatsächlich einmal ins Museum geschafft hab. Immerhin hab ich einen Kulturpass, den ich uneingeschränkt als ein großartiges Konzept herumreiche. Aber er es nach drei Wochen zum ersten Mal aus meinem Geldbörsel geschafft hat. Und dann hat mich die Frau an der Albertinakassa kostenlos reingelassen. Das war auch gar nicht so einfach, weil ich gemerkt hab, da liegt schon auch ein bisschen ein unangenehmes Moment darin, einen Ausweis für freien Eintritt zu haben, ob ich da nicht jemandem etwas wegnehme, was sie vielleicht dringender… Ja, soll ich mich nicht so anstellen. Aber in so was spiegelt sich halt der beständige reaktionäre Backlash wider, der mein erwachsenes Leben begleitet, die ständige Provokation einer Neiddebatte von einer Seite, die spontan kaum die Frage nach der Anzahl an Stellen im Milchpreis richtig zu beantworten weiß. Obwohl es beim Kulturpass ja nicht einmal VerliererInnen in dem Sinn gibt. (Auch wenn mir die Schweigsamkeit meines AMS gegenüber dem Kulturpass das Gefühl vermittelt, dass hier mit einer finiten Ressource gehandhabt wird.) Ach ja, so geht halt der Kopf, wenn ich nicht ab und zu jemanden da hab, die mir helfen, ihn mir ein bisschen gerade zu richten.

Das war natürlich ein Versuch, ein bisschen so einen Tag zu machen, wie ich ihn vor drei, vier Monaten vielleicht gemacht hätte, wenn ich nach Wien gekommen wäre, wenn man in Europa unterwegs nach Wien kommt. Zwei Tage Wien bevor man sich auf den Weg nach Budapest, Venedig oder Salzburg macht. Das man s halt gesehen hat. Ich hab in der Früh schon ein bisschen gebraucht, weil wenn ich nicht im Hostel aufwache, dann wach ich eben bei mir daheim auf und da ist der soziale Druck, gleich einmal in die Gänge zu kommen, etwas geringer. Noch dazu ist da ein Kühlschrank und ein, zwei Kaffeemaschinen, eine Schublade voller Tee und jetzt dann auch zwei Katzen. Es gibt also gleich allerhand zu tun und dann setze ich mich üblicherweise auch noch ein bisschen hin und schon ist es Mittag. War s eins, war s zwei, als ich mich endlich auf den Weg und in traditioneller Manier erst einmal zu Fuß in die Stadt aufgemacht habe. Gehört auch ein bisschen dazu, ein bisschen verloren zu gehen und vielleicht ein schönes Haus zu sehen. Wer weiß, schafft s die Stadt mich zu überraschen? Nein, eh nicht. Es ist windig und kühl, aber immerhin schaut der Himmel ab und zu durch die Altostratus und wo der lokale Stolz auf die Donaufarbe im Anblick derselben vielleicht ein bisschen verfehlt erscheint, der Himmel kennt keinen Patriotismus und zeigt sich überall in mehr oder weniger gleichermaßen erfrischenden Tönen.

In der Albertina bin ich zuerst einmal im Keller. Es ist schon erstaunlich und vielleicht ist es nur selektive Wahrnehmung. Aber ich war jetzt schon oft einmal im Museum in den letzten Monaten. Und oft spielt die Inszenierung natürlich schon eine Rolle, wie freistehend ein Objekt ausgestellt wird, wie zugänglich etwas gemacht wird. Da spiegelt sich natürlich auch ein bisschen die Zugänglichkeit und wie sich gerade modernere Kunst dann oft auch einmal vielleicht ein bisschen greifbarer präsentieren will, ohne Rahmen, direkt, greifbar. Aber dabei wird dann doch oft einmal darauf gezählt, dass die Leute ihre Grenzen selber setzen, nämlich dort oder früher dort setzen. Die Freiheit endet da, wo, naja, das Museum sagt dir schon, wo die Grenze ist. Im allerersten Raum eines österreichischen Museums bin ich keine drei Minuten da meldet sich der Wärter und ruft lautstark eine russische Touristin vom Exponat zurück. Achtung! oder Vorsicht!, auf jeden Fall ein gewisses Heda! Und zweimal muss er walten, weil sie sich nicht angesprochen fühlt. Zugegeben, sie hat das Bild einer gründlichen Betrachtung unterzogen und da war wohl ein Finger, der ein Detail hervorgehoben hat. Aber von da, wo ich gestanden bin, hätte ich nicht gesehen, dass da eine Berührung im Spiel gewesen ist. Aber das dürfte der werte Herr Ausstellungsraumsbeschützer auch nicht gesehen haben. So bekomme ich in den ersten fünf Minuten gleich einmal vorgeführt, dass im Wiener Museum (wie im Kaffeehaus), Gäste eher aus einer gewissen Gnade zugelassen werden.

Die Albertina überrascht mit viel Text. Auf den ich im Folgenden mit viel Text reagiere…

(Und der Gnade des langwierigen Überarbeitungsprozesses verdanke ich die Erinnerung an eine Ausstellung in Japan, wo man sozusagen ganz und gar durch das Exponat waten musste, da waren Bälle und Nebelschwaden und Regale und alles zusammengewürfelt. Bin ich auch zurechtgewiesen worden, weil ich mich ein bisschen zu sehr an der Kunst beteiligt hab. Fand ich auch doof.)

Worüber ich dann auch überrascht bin, ist wie viel Text sich die KuratorInnen haben einfallen lassen, um von den Bildern abzulenken. Ha! Nein, das ist natürlich eine Übertreibung, das wird sicherlich nicht im Sinne der AutorInnen gewesen sein. Aber ganz ehrlich, ab dem fünften, sechsten Raum, bin ich tatsächlich mehr mit Lesen beschäftigt. Zuerst bin ich fasziniert von der Betonung des Österreichbezugs der KünstlerInnen. Nach dem dritten, vierten Text, der Österreich als Geburtsland, als Ausbildungsland, als Arbeitsland oder als Urlaubsland, in dem sich die KünstlerIn für zwei Wochen vor der einer mehr oder weniger produktiven Phase ihres Schaffens aufgehalten hat, verliere ich mich mehr und mehr in den Texten. Natürlich ist das nicht ganz fair, mich darüber derart zu amüsieren, ich vermute ja hinter den teilweise übertrieben hochgestochenen Formulierungen ja auch nur die eine oder anderen Unsicherheit, die dort zu verstecken versucht wurde. Ich weiß nicht, welchen Stellenwert diese Texte bekommen, wer die schreibt und mit welchem Auftrag. Und nicht einmal wirklich mit welchem Ziel – worüber vielleicht als erstes Klarheit zu schaffen wäre. Was es vielleicht auch schwieriger macht… ich frage mich, wie viel Feedback die AutorInnen für ihre Texte überhaupt bekommen, weil eigentlich geht s natürlich um die Werke. Ob sich nicht die ganze Textgattung derart ein bisschen verselbstständigt.

Eine e relativ normale Biografie zum Anfangen. Aber man kann sich schon die eine oder andere Frage stellen. Einerseits von der Satzstruktur her: warum diese Nebenherformulierung „der in Österreich geborene“? Und wo hat der Herr Schmalix vor 1987 gearbeitet, nachdem er sich 1983 schon neuen Motiven zuwendet? Wer sind Herbert und Hubert?

Jetzt war ich in den Tagen darauf einen Sprung im Leopoldmuseum und da war letztlich auch viel Text. Und wie haben die das dort jetzt geschafft, dass die dort weniger aufdringlich herübergekommen sind? Pass auf, ich glaube, das ist eine technische Frage. Die haben dort normal die großen Einführungstexte genauso gestaltet, wie auch in der Albertina: links ist Englisch, rechts ist Deutsch und dann hat man einen Meter Text an der Wand. Aber für die einzelnen Bilder gab s die Informationen auf kleinen Taferln, die neben einigen Werken angebracht waren. In der Albertina haben sie aber auch neben den Objekten diese Klebebuchstaben verwendet. Und während ich das ja überhaupt für eine ziemlich affektierte Methode zur Affichierung halte, müssen die aber wohl auch eine gewisse Größe haben. Jetzt kann man die dadurch auch aus zwei Meter Entfernung fast noch zu lesen und damit verhält sich der Text so bisschen aufdringlich gegenüber der im Idealfall in der inneren Versenkung befindlichen BetrachterIn. Ich hab ja die Brille auf. Und dann lenkt das tatsächlich ein bisserl vom Bild ab.

Vor diesem erste Satz, mit dem die Frau Krystufek hier beschrieben wird, bin ich mehrere Minuten gestanden: Sie ist eine Vertreterin von etwas, das selbstverständlich ist? Außerdem kann man den zweiten Absatz auch zur Illustration einer weiteren irritierenden Technik heranziehen, dass nämlich die LeserIn über sich selbst liest, wie sie sich in der Betrachtung der Werke erlebt.

Aber eigentlich fallen mir die kuriosen Formulierungen und der wichtigtuerische Stil auf. Nicht zuletzt, weil ich das ja auch von mir kenne, dass ich mich hinter Formulierungen verstecke, weil die eine Interpretation vielleicht ein bisschen wackelig daherkommt oder das andere Zitat ein bisschen aus dem Kontext gerissen ist und der Text die vielen dahergeredeten Wattebäusche benötigt, damit es im Karton nicht zu rappeln beginnt, wenn ihn jemand ein bisschen zu schütteln beginnt. Ein Schelm… Aber es ist halt schon so, dass man vielleicht ein Auge dafür, gerade die eigenen Unzulänglichkeiten in anderen etwas deutlicher zu erkennen. Und wie auch ich mich im Zweifelsfall immer wieder einmal gefragt habe, ob es denn den Text wirklich brauche, so würde ich den AutorInnen jener Wandtexte diesen Gedanken ebenfalls vorsichtig ins Blickfeld schieben. Weil nicht nur, dass von den vielen verschiedenen KünstlerInnen, die oft mit zwei, drei Werken ausgestellt werden, jeweils diese österreichfixierten Kurzbiografien an die Wand geklebt sind, wird in den Texten zu den einzelnen Bildern tatsächlich oft einmal beschrieben, was auf dem jeweiligen Bild zu sehen ist. It’s right there, mate! Noch dazu, wenn dann im Text beschrieben wird, wie „[a]uf Hitlers Kopf […] der Aktionskünstler Nam June Pail eine Gitarre [zertrümmert]“ (Jörg Immendorff 2006, Ohne Titel) und am Bild ist unverkennbar eine Geige zu sehen. Oder eine Viola. (Also nicht unverkennbar.)

Ich bin ja schon ein bisschen bekannt dafür, dass ich mich vielleicht nicht super-easy auf etwas festlege. Aber hier wird nicht nur einfach festgestellt, dass die „politische Aussage von Kunst“ in Deutschland wichtiger sei, als anderswo in Europa – was ich natürlich schon einmal hinterfragen möchte. Und dann macht das das Immendorf’sche Œvre auch noch deutlich, nicht schlecht. Deutlich macht hingegen der zweite Absatz, dass man die „Weltprobleme“ doch am liebsten in der eigenen Ecke feststellt. Ob man mit der gleichen Vehemenz jene für unbegreiflich halten würde, die globale Brisanz nicht kapieren, die jeweils in der Trennung Koreas, in der indonesischen Palmölindustrie oder im langsamen Tod des Great Barrier Reef liegen?

Man könnte jetzt sagen, eigentlich war ich ja wegen der Sammlung Batliner dort. „Den ImpressionistInnen“, wie ich jetzt immer gesagt hab, wenn mir der Name Batliner nicht eingefallen ist. Aber mir ist dann fast schon ein bisschen die Geduld und der Rücken und das viele Stehen… und ich hatte noch einen Termin, an den ich mich jetzt anstelle des Namens Batliner nicht erinnern kann. Und das war auch noch ganz nett, weil da ein Masterstudent mit einem Fragebogen gestanden ist. Das war interessant, weil er hat ein bisschen was vorher-nachher erhoben, wo er mich, bevor ich reingegangen bin, gefragt hat, wie viel ich positive Gefühle habe und wie viel ich negative Gefühle habe und wie emotional ich erregt bin. Und das hab ich gleich spannend gefunden, dass man das so, auf drei Skalen erhebt anstatt auf einer. Es hat sich auch gleich erprobt, weil ich durchaus ein bisschen negativ aufgelegt war, nachdem ich zwei Stunden lang Bilderbeschreibungstexte kritisiert hab. Das macht die Seele nicht schöner, ganz ehrlich. Zumindest nicht, wenn man nicht darüber redet und sich doch ein bisschen als jemand sieht, der mit einer gewissen Freude auf die Fehltritten anderer… Ja. Aber ich war nicht grauslich im Kopf oder bitter im Herzen, bloß ein bisschen kleingeistig zwischen den Augenblicken: Drei von sieben. Und positiv war ich ja viel mehr, mindestens fünf von sieben. Emotionale Erregung hab ich mir wahrscheinlich vier gegeben. Aber das ist eine schwierige Frage, die vielleicht ein bisschen eine Pilotierung vertragen hätte. Einerseits ist das natürlich so, dass ich mich zwar oft einmal frag, wie s mir so geht und dann vielleicht auch meine positive Stimmung und meine negative Stimmung nebeneinander stellen kann, aber ich merk, ich frag mich zu selten, wie s mit meiner emotionalen Erregung ausschaut. Und andererseits bin auch ich nicht gegen soziale Erwünschtheit gefeit und wenn ich weiß, dass ich da vorher-nachher gefragt werde, bevor ich zu den ImpressionistInnen hineingehe, dann muss ich mir Platz nach oben lassen. Das würde ich sagen, wenn ich da ein bisschen eine Kritik an der Methode anbringen wollen würde: Wenn ich vor dem Raum abgefangen werde und nur gesagt bekomme, dass es diese Erhebung gibt und wenn ich bereit wäre mitzumachen, er sei übrigens Masterstudent von der Kunstuni, ob ich dann nach dem Raum gleich nochmal rauskommen würde, ich könne mir so viel Zeit lassen, wie ich will, aber ob ich dann gleich nochmal rauskommen würde, weil er habe zweieinhalb Seiten Fragebogen für mich, sei gleich erledigt, ja?, super, vielen Dank, total lieb von mir, und er wünsche mir einen schönen Kunstgenuss. Und dann einen zweieinhalbseitigen Fragebogen gibt, der mich am Anfang fragt, ob sich meine positive Stimmung, meine negative Stimmung und meine emotionale Erregung in dem Raum nach oben oder nach unten entwickelt hätten – ich glaube, mit den Antworten wäre mehr anzufangen. Weil natürlich sagt man, lieber keine Erinnerungsfragen und schon gar nicht nach Befinden, das würde ich auch nicht unbedingt machen. Auf der anderen Seite aber eben halt soziale Erwünschtheit und nach einer Viertelstunde die gleichen Fragen und dass das vorher schon absehbar und sicherlich nicht nur für mich, weil ich mein, immerhin, das hab ich schon gelernt, aber trotzdem. Abgesehen davon, dass der Typ wirklich sehr nett war und wahrscheinlich meine positive Stimmung um einen Punkt hochgehoben hat. Oder zumindest, im Zweifelsfall hätte ich aufgerundet.

Eins noch: Öde Behauptungen in langweiligen Hauptsatzaneinanderreihungen und ein fulminantes Finale in einer der erzwungensten Österreichreferenzen: Sein Bildtitel A.E.I.O.U. erinnert vielleicht an den österreichischen Imperialismus, aber Absicht wagt der Text Anselm Kiefer dann doch nicht zu unterstellen.

Was mir noch gut gefallen hat, war, dass sie Geschlecht und Alter einfach mit offenen Fragen abgefragt haben. Weil das ist ja auch so ein Ding, das manchmal nicht so leicht ist, heutzutage, dass man in seinem Fragebogen sagt, Geschlecht: eins, zwei… Aber braucht s nicht langsam mehr als zwei Antwortmöglichkeiten? Weil man darf jetzt nicht vergessen, es gibt da auch eine gewisse moralische Dings, also, nicht, dass es nur darum geht, dass man dann auswerten kann, a-ha, die, die sich als andere klassifizieren, die zeigen eine Korrelation mit diesem oder jenem Verhalten und/oder Einstellungen. Sondern auch, dass man seinen freiwilligen Ausfüllenden nicht noch hinschmeißt, dass man an einem mitunter zentralen Aspekt ihrer Identität eigentlich nur soweit interessiert ist, als er sich in eine von zwei Kategorien pressen lässt, die man sich dafür überlegt hat. Jetzt hab ich das elegant gefunden, dass sie das halt offen gefragt haben. So viele werden die da nicht erheben, hab ich mir parallel dazu gedacht, weil ich natürlich daran gedacht hab, dass das manuell in den Datensatz Eingang finden muss. Elegant fand ich aber auch, dass es nicht einmal einen Hinweis zum Datenschutz gegeben hat, insbesondere, weil ich unten noch meine Emailadresse draufgeschrieben hab. Nicht dem Masterstudenten, sondern da war ein Feld dafür, für eine Folgeerhebung.

Die detaillierte Erhebung des sexuellen Spektrums der TeilnehmerInnen ist auch nicht immer im Sinne der Befragung. Aber ich würde das zum Beispiel schon einmal im Mikrozensus mitlaufen lassen.

Na und dann hab ich mir noch ein bisschen die ImpressionistInnen angeschaut. Hat mir gut gefallen, hat mich emotional noch ein bisschen erregt, zumindest am Papier. Irgendwann war dann eben, dass ich mir gedacht habe, ich bin jetzt eigentlich schon wieder genug gestanden (und ich kann ja jederzeit wiederkommen), ich schenk mir jetzt dem Dürer seine Drucke und selbst den Picasso werd ich jetzt nicht mehr näher studieren. Dann bin ich aber doch noch vor der Eingeschlafenen Trinkerin stehengeblieben und hab überlegt, ob ich der nicht im Sommer in Hiroshima gegenübergestanden bin. War sie nicht, aber für einen Moment ist diese Trinkerin trotzdem eine Leine in etwas hinein oder aus etwas hinaus gewesen. We’ll always have…, mon amour.

tl;dr: no phone

Ich hab mein Telefon in Kyiv liegen lassen und hab deshalb sofort ein paar sehr ruhige Stunden in Wien. Weil halt eben quasi mit normalen Mitteln kaum kontaktierbar. Aber sonst ist alles gut gelaufen, wirklich, es war eine schöne Zugfahrt, in meinem eigenen Abteil. Daneben das Klo, da ist mir durch die Heizungsanlagen manchmal ein bisschen ein Aroma durchgekommen, aber es war eh viel finster und ich bin halt nicht am Fenster und über der Heizung gesessen und dann hat das auch gepasst. Der Zugbegleiter war wirklich sehr lieb mit seinem bemühten Deutsch, das hat mir wirklich gut gefallen. Und selbst das Wienerische war ganz ok, wenn man s nur am Bahnhof mitbekommt.

Aber weil ich im Zug Zeit hatte, hab ich der D. meine Erlebnisse, die zur Hinterlassung meines Telefons geführt haben, zusammengeschrieben. Und ich hab mir gedacht, das stell ich jetzt einfach her, weil ich hab s eh schon zweimal geschrieben und muss es jetzt nicht noch auf Deutsch übersetzen. Insofern:

Here’s the point though: My phone decided to stay in Kyiv. By now I went through my bags and my pockets and I’m ninety-nine percent sure that I’ve dropped it, when I rushed to the train station. You see, I was late. I had spent too much time having fancy breakfasts (Eggs Benedict with smoked roast beef) and even when I finally got up I continued to stroll around town under the watercolour blue sky that we had this morning. Or even at lunch time. But there was a point when my brain finally did the maths so my legs could do the running. “You know, that you have about twenty-seven minutes until your train leaves,” said my brain. “Maybe twenty-nine, I’m not completely sure what the time was.” “Oh shit,” said I, “that’s not going to be enough.”

So my legs said: “We got this”. And thankfully it didn’t have minus ten degrees today, so even though my lungs were protesting, claiming they would have to do most of the work and the legs couldn’t just take all the recognition, the whole ensemble got going in the face of brain’s calculations, in the face of the blue dot on the map and the distance to the orange star and the other orange star. Because I had to get to the hostel first, where they had outrageously charged me an extra 15 Ukrainian Euros for keeping my luggage for a couple of hours. That’s beside the point, but it was not ok even though I did not protest. So I arrived at the hostel, lungs proclaiming loudly how hard they’ve been working, while I would have been able to melt down a decent sized snowman with my face alone.

Thank you so much for everything, I called over to the two girls sitting at reception while I rushed out with twelve measly minutes to go. “That’s not enough,” said brain. “We can’t run with the backpack on the back and the small backpack in front, the balance is all wrong!” chirped up the legs in unison. “Wh… wh… we-he’re still a bit out… of… breath,” wheezed the lungs. “No rest for the wicked,” it probably says in the bible. And I did try to run and while it must have looked like a walrus in a fat-suit, I was beyond worrying about my looks. (For the moment.) My brains were now humming the melody of We’re Not Gonna Make It by The Presidents of the United States of America which put some pressure on the general optimism but at least has a rhythm going that kept me shuffling along. And I was optimistic, because my brain was busying itself by telling the story of how I would be telling the story that I nearly wouldn’t have made it but I did in the end, because of legs and lungs and brains. And look at me and the adventures I have. And I did make it, but really because of nice lady with the car.

I was looking out for taxis or equivalent and I did spot a car that had written uber at the side. Which, you know, I don’t know how that company works and what I know doesn’t help. But sometimes the shirt is closer than the coat and as somebody had just gotten out of the car, I tossed all moral considerations to the side and sort of wobbled over to the car to knock at the window, open the door and finally ask the driver whether she could please, please take me to the train station. She told me that I had to call the number on the side of the car. I said, I couldn’t and – what must have been confusing – held up my phone to make the point. I would pay her in cash, I said. I think she told me to get in, at least that’s what I did and she didn’t react to it like you react to someone getting into your car without your approval. The traffic lights had switched to green and she started driving with my backpack basically still hanging out the open door. But I managed to get myself and my luggage into the car and close the door behind me. I think she wanted to make sure that it was really just the train station I wanted to go to. You know, because it was just a kilometer ahead. And I wholeheartedly agreed with her, especially when she said the word that starts with pas– and is the name of the train station. A bit amused she again pointed at the train station straight ahead and still I would agree with her. That out of the way, we relaxed a bit and I think she commented on me apparently being very late for my train. Well, I said, yes, I am a bit late for my train. She was calm and had a nice voice and even complained a bit when the car in front of us would stop at the corner and we had to stop and wait for them to get moving again. And when I got out of the car with a generous seven minutes to go, she wouldn’t take my money but just wished me good luck or safe travels or god’s speed or maybe all or none of these things. So I got out and rushed into the station, checked my tracks and then had to run along the whole track because of course my compartment is at the very end of the train.

But I made it. Into Ukraine with the selfless help of a driver and out of Ukraine with the help of a driver.

And while I was still running about in that lovely train station, I started to realise that I couldn’t find my phone in any of my pockets. Finally, on the train and after checking all possible places, all the pockets and the bags, I’m pretty sure I must have left it in the car. Of course, the adrenaline for nearly missing my train helps not worrying too much about the loss of my phone now. Besides some artsy pictures of the Golden Gate against the picturesque blue sky I took today, I had transferred all recent pictures to my computer yesterday so not much of a loss there. And on the other hand, of course I count a bit on that nice driver and that she might find the phone or might have already found it while I’m writing this little story down for the second time after the first got swooshed away by the stupid email programme’s failure to safe my email on the hard drive when I tell it to do so and furthermore its failure to show a warning message when I try to close the thus unsaved message. That hurt more for a moment than the loss of my phone.

As I said, I haven’t given up yet. And I’m asking you to play a role in the climactic last chapter of my travel adventures, be my eyes and ears on location. I think my phone shows my email address on the lock screen, so if they find it soon enough there’s a chance she’ll get in contact, fingers crossed. Regrettably, my phone’s battery drops quicker than Obama’s microphone, so there is only a narrow time window. To be honest, maybe I won’t even get this message sent before that battery runs out. And of course you could call or maybe send an Ukrainian message, because I think that also shows up on the lock screen.

Aber ja, hat sich leider niemand gemeldet derweil. Und ich hab mich außerdem daran erinnert, dass ich mir in den letzten Wochen und Monaten, in denen das Telefon in erster Linie ein Aufnahmegerät, eine Fotokamera, ein Stadtplan oder ein Zeitungsabonnement ist, die Batterieschonungseinstellung und schlimmer noch, den Flugzeugmodus zu aktivieren. Jetzt hätte ich ja sogar so ein Programm am Telefon, mit dem ich es über s Netz lokalisiern kann. Aber leider, leider, ohne Netz kann ich s auch nicht lokalisieren. D. ist in Kontakt mit den ubers, aber ich bin derweil einer, der in der Ubahn sein Notebook aufklappt, um seine Mails zu checken, weil das die einzige Art und Weise ist, die ich kommuniziere zur Zeit.

Und eine mehr eine technische Anmerkung: Wenn ich einen Text in diese Oberfläche kopiere, macht er mir manchmal Doppelblancs in den Text. Ich weiß nicht warum, ob nach einem Muster oder nicht. Offen gestanden, hab ich nicht die Nerven dazu, das zu erkunden. Es gibt nämlich wenig, was mich derart aus einem Text herausnimmt, wie Doppelblancs. Und ich hab schon mal probiert, den Text in ein Dokument zu übertragen und dann Alle Ersetzen… und so. Aber wenn ich s zurückkopiere, sind sie wieder da. Insofern bitte ich um Entschuldigung, ich hab ein paar rausgenommen, aber wenn ich welche übersehen habe: Ich bin nicht schleissig geworden auf sowas.

tausend Kilometer westwärts

Westwärts… das ist auch ein komisches Wort, oder nicht? Die Aliteration natürlich, ein Klassiker. Und dann schwingt da doch irgendwo die Versprechung des amerikanischen Jahrhunderts mit. Der Horizont, das neue Land, da verheißt doch irgendwas! Where the skies are blue.

Der Himmel, der eine, den die deutsche Sprache für diesen Fall zur Verfügung stellt, ist auch hier blau. Klirrend, klares himmelblau. (In meiner aktuellen Lektüre steht die Phrase “[the] sky was a clear cerulean”. Hab ich cerulean nachgeschaut: resembling the blue of the sky. Ist das schon tautologisch?) Ja, der Himmel. Blau. Und kalt ist es. Aber ich hab meinen Mantel und meine Schichten und D. bringt mir Handschuhe für unseren Spaziergang. Nicht die, sagt sie, als die grauen ein Loch haben und drückt mir die schwarzen in die Hand.

Kyiv überrascht mit freier Sicht auf den Himmel und hübschen Fassaden

Jetzt. So ist Kyiv schon ganz schön gewesen. Wenn mich D. rumführt dann hör ich doch viel Geschichte, ganz schön viel, ganz schön tragische Geschichte. Insgesamt ist es ja interessant, wie Ukraine an seiner Identität arbeitet, insbesondere vis-a-vis Russlands, das natürlich auch in vergangenen Jahrhunderten nicht immer nur eine guten Freundin gewesen ist, aber doch eine enge Beziehung seit langem. Und hier Eigenständigkeit zu entwickeln heißt halt auch Geschichte aus einer neuen Perspektive schreiben. Aber wie gesagt: Russland steckt überall in diesem Land drin, die Puschkinstatuen, das Bulgakowhaus und natürlich alles Sowjetarchitektur quer durch. In Odessa, so hör ich jetzt, reden die auch gar kein Ukrainisch. Da brauch ich mit meiner Unsicherheit, das nicht unterscheiden zu können, gar nicht schüchtern sein. Weil das wird wohl einfach Russisch gewesen sein.

Das Militär ist präsent ob persönlich oder als großflächige Erinnerung daran, dass das Land im Krieg ist…

Dass ich tatsächlich sehr schwammig bin, bei der jüngeren ukrainischen Geschichte, die Hintergründe für den aktuellen Krieg in Europa so überhaupt nicht parat hab… ich mein, das ist nur damit zu rechtfertigen, dass man sich darum in Mitteleuropa wirklich insgesamt kaum schert. Zumindest in der Öffentlichkeit. Vielleicht ist es auch bezeichnend, dass die deutsche Wikipedia Reaktionen der deutschen und der Schweizer Regierung auf die Revolution der Würde beschreibt, während Österreich auf der Seite nur mit einer (veralteten) Zitation der Oberösterreichischen Nachrichten in Erscheinung tritt. Österreich ist da auch gerade damit beschäftigt, nochmal eine Regierung zusammenzuschustern und der neue Außenminister findet möglicherweise einfach nicht die richtigen Worte. Was soll man sagen. Leute die dafür ihr Leben gegeben haben, um der Europäischen Union näher zu kommen. Das ist den ÖsterreicherInnen vielleicht auch nicht einfach zu vermitteln gewesen, was da passiert.

Na und jetzt läuft da immer noch etwas, was D. immer wieder casually als den Krieg im Osten bezeichnet. Ich mein, in dem Fall natürlich nicht schlecht, dass das Land so groß ist, aber wenn man s weiß, kriegt man s natürlich auch so mit, welche Präsenz das Militär hat. Und das sei nicht nur echtes Militär, sondern auch ZivilistInnen, die sich qua militärchic halt mit der Armee assoziieren, die das Land verteidigt. Das sind schon ungewohnte, unangenehme Realitäten, mit denen ich mich tausend Kilometer von daheim auseinandersetzen soll.

So grantig haben sie ihn vor seine Kyivresidenz gesetzt, den Mikahil B. Oder es ist ihm nur kalt in der dünnen Jacke, kann auch sein.

Tausend Kilometer sagt nämlich die Säule, zentral in Kyiv, die nationale und internationale Distanzen darstellt. Und zwar, sagt D., jeweils von Hauptpostamt zu Hauptpostamt. Zumindest bei den ukrainischen Oblasts, die internationalen wisse sie leider nicht. So was freut mich natürlich, weil ich es für so zivil für so bürgerlich halte. Dieser Begriff, der im Deutschen so schwierig zu fassen ist. Vielleicht weil das Staatsbürgertum insgesamt immer noch so schlecht zu greifen ist, weil es so viel Mühe kostet, die Staatsbürgerschaft von Herkunft und Hautfarbe loszulösen und mit Verantwortung und Engagement zu verknüpfen. Wenn die Sowjetunion das Postamt zum Mittelpunkt der Stadt gemacht hat, dann spricht das zwar nicht unbedingt für ihr demokratisches Verständnis (aber da muss man sich ja nichts vormachen), aber es hat doch etwas hübsches, die Kommunikation zwischen den BürgerInnen derart ins Zentrum zu stellen.

Die St. Andrews Kirche gerade unter Renovation. Aber man sieht hier auch gut, dass Kyiv zurecht für sich in Anspruch nimmt, auf Hügeln gebaut zu sein. Ein ständiges Auf-und-ab.

Häuser haben sie auch schöne gebaut, unterm Stalin. Aber das war s dann auch schon wieder: 1932/33 hat Stalin die ganze ukrainische Ernte nach eingeholt… also mehr beschlagnahmt, sodass die Menschen quasi bei der Ernte verhungert sind. In der Ukraine gilt das jetzt als Genozid. (Wie furchtbar, wie oft ich dieses Wort in der Gegend hier zu hören bekomme!) Die Europäische Union anerkennt das zumindest als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ich kann mich nicht erinnern, davon jemals was gehört zu haben, außer vielleicht als „Stalin war nicht gut“ zusammengefasst.

Die zwei Blöcke auf der linken Seite und der Turm im Zentrum gehören zu dem großzügigen stalinistischen Wohnblock. Ob das in Wien so sehr unter Denkmalschutz stehen würde, dass diese ganzen Satellitenschüsseln und Klimaanlagen verboten wären? Der Stern an der Spitze des Turms ist übrigens ukrainisch angestrichen. Bisschen blau-gelbe Farbe über das kommunistische Erbe…

Wenn ich mich ein bisschen besser mit der ukrainischen Geschichte auskennen würde, dann hätte ich mich vielleicht auch mit dem unangenehmen Brasilianer („…politisch ist Brasilien jetzt wieder auf dem rechten Weg…“) im odessaner Hostel auf eine Diskussion eingelassen, wenn er anderen die niedrige wirtschaftliche Produktivität Ukraines erklärt hat. Wenn s nur dafür gut gewesen wäre.

Wie gesagt: hunderttausende Eindrücke, hab ich den Eindruck, dass ich festhalten sollte. Aber natürlich geh ich spazieren, wenn mir so was einfährt und ich mitunter minutenlang über irgendeine Beobachtung nachdenke. Und wenn ich dann heimkomme, dann setz ich mich auch nicht an den Computer und tipp das alles rein. Manchmal mach ich mir unterwegs eine Notiz oder schreib mal ein paar Seiten voll, wenn ich ein Papier und einen Stift mithabe. Aber dann ist das auch erst einmal erledigt und findet jetzt nicht unbedingt auch noch ins Internet.

You have to be this tall to pray in this church

Als ich im Zug Odessa verlassen habe, sind wir an mehreren Wohnblöcken vorbeigefahren. Das ist natürlich nichts besonderes, dass man in den äußeren Bezirken hohe Wohnhäuser sieht. Was mir aber schon aufgefallen ist, war, dass auch die innere Aufteilung der Wohnungen überall gleich gewesen zu sein scheint, wo in einer Fensterspalte überall an der gleichen Stelle die Deckenleuchte zu sehen gewesen ist.

Die alten Männer im Park. Das ist nicht notwendigerweise die Phase in der Männer das Brettspiel für sich entdecken, aber es ist immer eine meiner liebsten Beobachtungen, wenn ich auf die alten Männer im Park treffe, wie sie über ihre lokalen Strategiespiele gebeugt sind. Hier in Kyiv wird natürlich Schach gespielt. Und zwar auch, wenn s draußen Minusgrade hat. Also, es war nicht so viel los, aber zumindest diese zwei Herren sind da gesessen, ein, zwei Zuschauer und – sehr professionell – eine Schachuhr war auch dabei. In Georgien hab ich interessant gefunden, dass sich im Parkspiel ebenfalls widerspiegelt, wie das Land zwischen verschiedenen Weltregionen liegt: da haben sie Schach gespielt, aber daneben haben zwei Herren um ihr Backgammon gewürfelt und am Ende des Tisches stand eine große Gruppe alter Männer um eine Dominopartie herum.

Man muss eine Stadt einfach lieben, die sich ihre Universitäten so anstreicht.

Die Tauben kommen mir hier so riesig vor. Aber das sind wohl nur die Federn, die sie aufplustern um sich warme Luftpolster zu schaffen. Heute hab ich eine gesehen, die gewirkt hat, als sei sie in einer kleinen Lacke festgefroren, aber ich glaube, sie hat sich aus dem Eis tatsächlich ein bisschen ein Wasser zusammengeschleckt.

Als ich diese Weichselteigtaschen probiert hab, hab ich unabsichtlich ein Geräusch gemacht, so gut waren die: Nng-wowowowow! Weil die Überraschung einfach so gut ist, in diesem aber derart geschmacksfreien Teig diese Sauerkirschenexplosion zu finden. Der einzige Nachteil ist, wie bei vielen positiven Überraschungen, dass man sich leider viel zu schnell daran gewöhnt.

In der Oper haben die Leute übrigens nach jeder Einlage Applaus gegeben. Und natürlich war das auch ein Publikum, die je nach Anzahl und Geschlecht ihre Bravos dekliniert haben.

Über die ukrainisch-orthodoxe Kirche hatte ein bisschen ein Imageproblem in den frühen Neunzigerjahren, nachdem sie so streng zu ihren BesucherInnen war, dass die sich alternative Kirchen gesucht haben. Also: strenger Dresscode, strenger Verhaltenscodex und solche Sachen. Nur mit sauren Gesichtern sollen die alten Frauen die Lockerung der strengen Regeln akzeptiert haben. Die Dame, die während meines Besuchs den Boden aufgewischt hat, hat auch sehr grimmig auf das sich küssende Pärchen (nicht im Bild) gestarrt und hat dann zumindest ihm gedeutet, dass er den Hut abnehme.

In Georgien, aber auch schon in Armenien sind ja wirklich viele Hunde herumgelaufen. Und aber eigentlich immer mit einem gelben Markerl im Ohr. Und das hab ich schon interessant gefunden, dass man so mit etwas umgeht, was ja ein Problem ist, weil man will ja keine Hundebanden, die die Stadt terrorisieren. Und ich nehme an, dass sie die fangen und kastrieren, vielleicht untersuchen und impfen, aber dann wieder wieder freilassen? Das ist irgendwie ein sehr tierlieber Zugang.

In einem überraschend interessanten Podcast hatte Macaulay Culkin den Wesley Crusher… Wil Wheaton zu Gast und es war eine wirklich interessante Unterhaltung, in der keiner von den beiden dabei zurückgehalten hat, über ihre jeweiligen Elternteile herzuziehen, die sie als Kinder in die Schauspielerei gezwungen haben. Und darüber, wie lange sie gebraucht haben, mit dieser kaputten Kindheit zurechtzukommen. Der Wil steigt am schlechtesten bei der Bemerkung aus, dass er findet, dass Discovery gutes Star Trek ist. Und der Mac kommt nicht so gut weg, als er feststellt, dass seine aktuelle Freundin so alt wie der Sohn seines Gasts ist. Auch wenn der in erster Linie das Kind seiner Frau ist. Und der Wil ist auch acht Jahre älter, stell ich grad fest.

Das sind die drei mythologischen Gründer Kyivs. Und ihre Schwester Lybbidie. Und warum die drei einen eigenen Wikipediaeintrag haben, in dem die Schwester nur nebenher genannt ist, das ist wohl das Patriarchat. Die Ästhetik ist ziemlich die gleiche wie bei den Plastikfiguren von Scythe. (Was mich wiederum daran erinnert, dass ich an einer anderen Statue zum ersten Mal verstanden habe, dass eine Sichel ihre Form auch hat, um eine Garbe Getreide zusammenzuhalten.)

Und Любэ. Seit ich in Armenien immer wieder Russisch zu hören bekommen habe, schwimmen mir regelmäßig die ein, zwei Nummern, die ich von der Band so halbwegs im Kopf hab, durch den Kopf und entwischen auch einmal den aufeinander gepressten Lippen – wenn s da auch nur ein gesummtes Entkommen gibt Also mehr so lautmalerisches Geheule. Und weil das damals ja ein exotisches Geschenk war, eine Audiokassette mit russischer Rockmusik… und ich fand manche Nummern tatsächlich ganz gut. Ah! Die Unschuld der sprachlichen Nackerbatzerln! Als ich meine Kenntnis und Wertschätzung der Band dann das erste Mal einer Russin gegenüber erwähnt hab, hat die schon einmal vorsichtig das Gesicht verzogen und nur ein bisschen angedeutet, dass da vielleicht ein bisschen Kontextinteresse vonnöten wäre. Nun. Die Band gibt s immer noch. Nicht nur das, der russische Präsident bezeichnet sie als seine Lieblingsband. Und auch der Sympathieträger Ariel Scharon hat wohl ebenfalls einmal seine Wertschätzung für die Band ausgedrückt. „Starker patriotischer Einschlag…“ sagt die Wikipedia. Und mir wurmt das das Ohr.

Und jetzt pack ich mich zusammen für einundzwanzig Stunden Zugfahrt.

zugig

Vielleicht ist die Kälte leichter handzuhaben, weil es mehr wie ein mich ihr aus eigener Kraft aussetzen wirkt. Weil nicht einfach die Stürme gekommen sind und der Regen und der Himmel sich verfinstert hat, weil der Sommer nicht überschwemmt und ausgedämpft wurde. Sondern weil ich mich auf die Fähre begeben habe und dann in den Zug gestiegen bin. Und aus eigener (geborgter) Kraft in den Winter gefahren bin. Und jetzt kratzt die Temperatur an den zweistelligen Minusgraden und ich krieg mich ehrlich gesagt kaum ein vor Freude über die eisige Nasenspitze, über die klirrenden Bäckchen. Über die rotgefrorenen Gesichter der anderen, wie sie mir aus ihren pelzumkranzten Kaputzen entgegenblicken.

Zugegeben, in Odessa war ich ein bisschen Ausrüstung nachbessern. Dabei hab ich bloß vier Schichten angehabt und unter s T-Shirt hätte ich locker noch ein Unterleiberl gekriegt und ich hab auch nie die Jacke über s Sakko angezogen. Hätte ich dem Wetter noch getrotzt! Aber da war s mir kühl, und das waren noch knappe Plusgrade. Aber dann hab ich mich durch die Humanas gewühlt und im dritten Geschäft dann einen Mantel gefunden, bei dem mir die Schultern nicht bis an die Ellenbogen gestanden sind. Und jetzt hab ich einen Mantel der zwar dünn wirkt, aber trotzdem ziemlich warm hält. Und einen Schal. Zwar bietet der Mantel so viel Kragen und dementsprechend viele Knöpfe, dass ich mich darin fast bis zum Scheitel einwickeln kann, aber so seh ich noch was von der Umgebung.

Jetzt. So viele Eindrücke in Wirklichkeit. Als ob ich nochmal alle Sinne extra aufgedreht hab und die ganze Erinnerungspalette weit ausgebreitet, alles anschlussfähig, alles assoziierbar. Herrrreinspaziert, einmal geht noch: Nationalismus, Einsamkeit, Freiheit, Sicherheit, Vertrauen, Angst und Wut, Kunst, Männlichkeit, Selbstverwirklichung und der Moment in der fernen Zukunft an zum allerletzten Mal jemand an mich denkt.

Odessa hat mehr Stiegen aber nur eine, auf denen sich Leute bedeutungsschwer fotografieren. Odessa hat ein Opernhaus, in dem man für zwanzig Euro auf den besten Plätzen sitzt. Odessa hat viele holprige Straßenpflaster und den Charme abgeklungenen Ruhms. Vor dem Museum wird die Straße aufgerissen und für jemanden, der Absperrungen und Umleitungen gewöhnt ist, stellt die allgegenwärtige Baustelle ein bisschen eine Herausforderung dar. Hier… einfach… quer drüber? Wichtig ist, sich nicht zusammenschieben lassen und ideal wär wahrscheinlich, den Leuten nicht in die Arbeit steigen. Es ist vielleicht keine Überraschung, wenn diese Situation in mir die Beobachtung weckt, dass ich stark daran orientiert bin, was in einer Situation alles falsch zu machen ist.

Ein ruhiger Tag für die leere Potemkinstiege. Insgesamt geht s viel auf und ab in Odessa

Im Museum warten ältere Frauen mit Kopftuch die Ausstellungsräume, die gerne ein bisschen mit einander plaudern, während ich über den knarzenden Parkettboden steige. Ich hab mich – von wegen abgeklungenen Ruhms – für die Vergangenheit entschieden, vielleicht wird die moderne Kunst auch hier (wie in Tbilisi) von den jungen Menschen betreut. Aber es ist nett, auch das trägt zum Charme bei. Draußen ist es grau und kalt während drinnen Kunstlicht auf fünfhundert Jahre Kunstgeschichte scheint. Und auch interessant natürlich das zwanzigste Jahrhundert, weil das nicht nur die naturalistische Malerei über den Haufen wirft sondern natürlich vom Widerstand gegen den Stalinismus geprägt. Die Frauen und Männer, die im Widerstand gegen ein repressives System neue Formen der Darstellung und damit neue Perspektiven entwickeln. In Tbilisi scheint mir daraus zwar mehr nationale Identität gezogen worden zu sein, aber das war vielleicht auch da spezialisiertere Museum.

Aber wo das Museum für mich scheint, sind die Darstellungen von gesellschaftlichen Situationen des späten neunzehnten Jahrhunderts. Leider sind die Bilder meist hinter Glas und es gelingen mir kaum Fotografien, auf denen sich nicht die Beleuchtung spiegelt. Es sind oft so private, halb-öffentliche Situationen von so Mittelklassepersonen, beispielsweise After the Party, auf dem betrunkene Soldaten ihren Rausch ausschlafen, während zwei Frauen interessiert (belustigt?), vorsichtig bei der Tür hereinschauen. Oder Visiting the Poor, auf dem Vater-Mutter-Kind bei einer armen Familie hereinschneien und großartig die gelangweilte Teenagertochter. Oder Hiring a Maid, auf dem eine Familie ein Kindermädchen interviewt, die Mutter streng, der Vater mit seiner Pfeife beschäftigt, die Haushälterin im Hintergrund skeptisch, die Kinder versuchen ihre gespannten Blicke zu kaschieren. Vielleicht lege ich zu viel von meiner geschichtlich und geographisch wirklich unterschiedlichen Perspektive in die Interpretation hinein, aber ich sehe in den Bildern eine amüsante und vertraute Menschlichkeit.

Oder hier, tragisch und brutal, aber ein witziges Sujet.
Sick to death of her (1897)
A.V. Makovskiy (1869-1924)
Aber auch von den modernen Sachen hab ich ein paar ganz schön, ganz schön beeindruckend gefunden. Man sieht nicht, dass das Bild sicher zweieinhalb Meter breit ist.
Polot (Flug) (1965)
A.P. Azmantschuk

Am Abend sitz ich in der Oper im Barbier von Sevilla. Es sind nicht die besten Plätze, aber immerhin Parkett um grad einmal zehn Euro. Die Oper ist nur zu einem Drittel gefüllt. Ich hab in der ersten Pause ein bisschen eine Unterhaltung mit der Dame, die kurz vor Beginn von einem der hinteren Plätze auf den Sessel neben mir huscht. Da krieg ich gesagt, dass sie im Sommer üblicherweise voll ist, die Oper, aber hier wie da sind s in erster Linie TouristInnen. Ich bin ein bisschen überrascht, dass der Barbier nicht nur die Komödie spielt, als die sie geschrieben ist, sondern noch ein bisschen dicker aufträgt, mit einigen vermutlich zusätzlichen Einlagen, jetzt nicht direkt Slapstick, aber halt körperlicherer Humor. Einmal gibt s eine kleine Nachfrage auf Ukrainisch, die Reaktion darauf lässt mich annehmen, dass doch einige UkrainerInnen im Publikum sitzen. Ich bin gut unterhalten, auch wenn die Übertitel nur auf Ukrainisch gezeigt werden und ich die Handlung entlang der Zusammenfassung im Programm folgen muss, die kaum ein Pixibuch füllen würde. Aber das tut die Handlung wohl kaum wie sie ist.

Weiß und Gold, das ist so der Standard. Und das sei übrigens, sagt meine Sitznachbarin, echtes Gold. Ich überlege ein bisschen wie viel Gold man für so einen Bühnenbogen wohl braucht. Aber ich weiß wirklich nicht wie viel Gold man so zum Vergolden braucht, also keine Ahnung.

Also ja, volles Kulturprogramm für mich in Odessa. Ich bin mehr auf der Suche nach Möglichkeiten, nicht dem Wetter ausgesetzt zu sein. Aber ich geh auch viel spazieren von hier nach da und zurück. Wie gesagt, das Straßenpflaster ist ein bisschen holprig überall in der Innenstadt und die Häuser haben auch schon bessere Tage gesehen. Aber es ist hübsch und ich freu mich über die Lichter und die Gesichter der Leute, die schneller und ernsthafter als in wärmeren Ländern durch die Stadt marschieren. Ich freu mich auch über den Frost in meinem eigenen Gesicht. Das allerdings so wirklich erst in Kyiv, wo die Minusgrade wirklich zupacken, aber wo auch die Sonne scheint und der blaue Himmel aus der kalten Luft eine Erfrischung macht.

Ich hab mir einen Nachtzug für von Odessa nach Kyiv genommen. Weil es sind doch vierzehn Stunden zwischen den zwei Städten. Ukraine ist einfach enorm groß, man übersieht das vielleicht ein bisschen weil Russland daneben (und ja nicht nur daneben sondern auch ein schönes Stück überlappend) liegt. Interessanterweise gibt s von Odessa trotzdem einen Zug nach Moskau.

Und die Zugfahrt verläuft flott und ereignislos, man mag s kaum glauben. Natürlich nicht so einfach am Bahnhof meinen Bahnsteig zu finden. Mein Kyrillisch ist ja immer noch so, dass ich ein bisschen stehenbleiben muss für ein längeres Wort. Heute bin ich am Soziologieinstitut vorbeigelaufen und war schon drei Meter vorbei, bis ich das Wort in meinem Kopf endlich ausbuchstabiert hatte. Hab ich umgedreht und das Schild nocheinmal mit einer stärkeren Anerkennung angeschaut. Schnell gehen mittlerweile die Notariate und die Apotheken. Davon gibt s irrsinnig viele, so scheint s. Oder es ist gerade das, dass das Worte sind, die ich mittlerweile schon fast auf einen Blick erkenne. Beim нотаріус les ich immer noch hot… aber dass das р ein r ist, das ist dann automatisch und so kann ich dann in der Mitte des Wortes schon zum Lesen aufhören, weil ich an dem Fehler den ich am Anfang mach, mich schon an das Ende erinnere. Und аптека sowieso. Ein Blick und Apotheke.

Und das ist auch nicht das Київ Kyiv ist, das ist nicht das Problem. Das Problem ist Bahnsteig und dann ist da noch ein Wort, von dem ich nicht mal weiß, was es heißen könnte. Und überhaupt ist das ganze Ticket mit Zahlen und Buchstaben vollgedruckt, die möglicherweise die Zwischenstationen und die Uhrzeiten sind, an denen wir wo stehen bleiben. Aber ich nehme an, dass die Leute, die nicht den Bahnsteig entlanglaufen MitarbeiterInnen der Bahn sind und die sind dann auch sehr hilfsbereit. Nachdem ich den Hinweis тридцять-шість nicht verstehe, bringt man mich dann bis zu meinem Bett. Nummer sechsunddreißig. Zwei Mädels sitzen bereits auf einer Bank, von denen die eine ein Telefonat führt, über das die andere regelmäßig die Augen verdreht. Es ist ganz lustig nur so den Tonfall und die Sprechweise zu belauschen, während ich vom Vokabular ja nur die dezidierten Bestätigungen und Verneinungen mitbekomme.

Ohne eine Durchsage oder irgendein Pfeifen startet der Zug. Die beiden Mädels machen sich alsbald die Betten und liegen darin um halb neun bereits zugedeckt. Aber mir ist das recht, ich lieg in meinem Bett ja auch lieber als schweigend auf engem Raum nebeneinander und einander gegenüber zu sitzen. Um zehn sind die Mädels aber schon wieder auf und am zusammenpacken, weil die steigen schon aus. Tsk!, greif ich mir ein bisschen an den Kopf, aber warum nicht. Wer für Liegewagen zahlt, möchte auch liegen. Es kommt etwas später noch jemand in unser Abteil, und ergreift dann auch dankbarerweise die Initiative, das bereits gedämmte Licht endgültig abzudrehen. Und ob man s glaubt oder nicht, ich schlaf dann durch von zwei bis sieben. Ratzfatz. Sicher, ein bisschen sorg ich mich, weil da nicht mal ein Netz oder was ist, dass ich mich umdreh und in die Tiefe stürze. Aber passiert natürlich nicht, weil ich kann ja schlafen, bin ja nicht blöd.

Im Bettzeug ist auch ein Handtuch beigepackt, mit dem ich mich grad noch ein bisschen frisch mache bevor wir schon in Kyiv stehen und ich aussteige und in den neuen Tag und den sich darüber spannenden blauen Himmel hineinstarte.

Ich mag ja orthodoxe Kirchen mittlerweile wirklich gern. Mit ihrem Gold und ihrem Bunt. Und drinnen keine Bänke und insgesamt mehr wie ein Tempel, wo man zu verschiedenen Ikonen geht, vielleicht je nachdem, wofür man grad auch betet… Und wenn die Leute auch nur an einer Kirche vorbeigehen, bekreuzigt sich die Hälfte. Die Männer den Hut ab, die Frauen am besten einen Hut auf. Und natürlich der Weihrauch und die Männer in den schwarzen Röcken. Nur die Ikonen, das versteh ich immer noch nicht ganz, was da mit denen ist. Aber vielleicht erschließt mir das vielleicht einfach nicht, mit der Gleichgültigkeit, mit der ich Religion begegne.

Empfehlung mit Vorbehalt

Georgien

Irgendwas mit Hunden. Und den Sardinen und den Fischern mit ihren Angeln und sonst nicht viel zu tun. Das wär Batumi gewesen.

Da steht sie, die Medea. Quasi noch daheim, bevor man sie über s Schwarze Meer in die Fremde mitgenommen hat. Und weil sie wusste, dass es drüben kühl wird, nimmt sie sich ein Fleece mit. (Im Gegensatz zu mir/Der ich frier.)

Und dann das Nicht-Schlafen-Können, das nächtliche Aufwachen und die Geschichte mit den Gelsen in der Nacht. Wo ich dann nicht einfach zum Buch greifen kann, weil ich hab mich zwar im Großen und Ganzen an den Stephen K. gewöhnt, aber ich bin immer noch nicht wirklich bereit, mitten in der Nacht mich auf IT einzulassen. Da kann ja irgendwas kommen. Und wenn das jetzt auch schon ein bisschen her ist, dass etwas war, was mich wirklich gegruselt hat, hinterlässt mich s manchmal doch in einer Stimmung, in der ich dann nicht besser einschlafen kann als ohne.

Letztlich war s wahrscheinlich einfach das, dass ich kein Fenster hab und da in meinem Zimmerchen sozusagen die Sinn… wie heißt das? Wenn sie einem die Reize wegnehmen und man mit seinen Sinnen nur noch ins Leere greift. Reizreduktion? Erlebnisvakuum? Erfahrungsnichts? Sinnesentzug! Da lieg ich und hab schnell kein Gefühl mehr dafür, wie spät es ist. In der Nacht hab ich eher Gelsen gejagt, weil da waren ein paar, die haben mich einfach verrückt gemacht und schnell hatte ich einen Dippel am Finger und dann hat s mich eh schon überall gejuckt. Und dann hab ich immer ein paar erwischen müssen, bis ich das Gefühl hatte, jetzt hab ich sie alle erwischt.

Wenn ich dann mal einschlaf, zwischendurch, wach ich eine Stunde später wieder auf, weil mir so ein Biest über s Ohr fliegt und bazoom! ich bin wieder wach. Und dann bin ich so wach gewesen, wie man halt wach ist, wenn man wach ist. Hab ich ein paar Gelsen erschlagen und dann bin ich irgendwann auch wieder eingeschlafen, bis sich das ganze nochmal wiederholt hat. Und dann nochmal. Und immer sofort ins volle Bewusstsein hinein. Da hab ich mir noch gedacht, ob das der Kaffee ist, den ich in dem Australischen Kaffeegeschäft getrunken hab. Aber das war dann auch schon wieder zehn Stunden her gewesen und überhaupt reagier ich doch gar nicht so auf Koffein. Vielleicht war ich aufgeregt, hab ich mir zwischendurch gedacht. Weil ich ja doch, ich mein, immerhin. Weil ich ja doch auf die Fähre und ich hab ja keine Ahnung, wie das wird.

Letzten Endes war das Hotel sehr herzig. Weil halt grad gar nicht so recht Saison zu sein scheint und Batumi ist doch auf jeden Fall eine Strandurlaubsstadt, auch wenn der Strand nicht nur Kies sondern ganz schön grober Schotter ist. Aber im Schwarzen Meer gibt s halt keine Korallenriffe und keine Papageienfische die seit dutzenden Jahrtausenden Korallen in Sand zerkleinern. Und mit ein bisschen Kommunikationsschwierigkeiten in denen ich mich dann sogar an die Übersetzungssoftware gewendet habe, hab ich mein Gepäck für den Tag im Hotel gelassen, no problem. Beim Abholen hat der junge Mann an der Rezeption sich dann wirklich lieb verabschiedet und mir eine Happy road! gewünscht.

Fähre

Das hat dann gar nicht so lang gedauert. Trotzdem war ich natürlich ein bisschen nervös dann mit der Zeit.

Es ist sehr beeindruckend, wie groß alles ist ist. Ich mein, wir haben Züge auf der Fähre. Und LKWs noch und nöcher und jetzt, wo wir unterwegs sind, endlich unterwegs sind, spürt man eigentlich gar nichts. Gut, das Meer ist auch außerordentlich still, da tut sich nichts.

Ich war etwa um fünf an der Fähre. Ich hab die Kaunas schon im Hafen liegen sehen und war deshalb am Nachmittag schon aufgeregt und vorfreudig. Um sechs hat s geheißen, dass die Passagiere eingeschifft werden. Jetzt also eine Stunde früher dort. Und dann erst einmal ein bisschen gewartet. Viele waren wir nicht, eine Bank, darauf eine Handvoll Leute. Aber viele LKWs, die sich langsam unter der Brücke durchschieben und am Schranken ihre Papiere kontrolliert bekommen. Und was das dauert! Wir paar Passagiere sind da sicherlich eher die Ausnahme gewesen und sicherlich nicht oben auf der Prioritätenliste. Die Fähre, hab ich später festgestellt, sieht sich sicherlich nicht als Konkurrenz zu anderen Fortbewegungsmethoden. Die haben ihre Nische und die Nische ist LKWs und Waggons von Georgien nach Ukraine zu bringen ohne durch Russland zu müssen. So sind wir dann erst einmal länger gesessen und weil neben mir zumindest Leute waren, die die Sprache verstanden haben, in der die Polizei ihre Bemerkungen gemacht hat, hab ich darauf vertraut, dass das schon passt. Kein Problem. Inmitten dieser — wie ich annehmen durfte — Mitreisenden, vertrau ich darauf, nicht sitzen gelassen sondern vielmehr vom gemeinsamen Aufbruch mitgetragen zu werden. Und wenn da die riesige Kaunas im Hafen steht, dann wird die schon nicht abzischen, ohne dass ich s mitbekomme.

Selbstportrait mit Rucksack und Fähre

Um dreiviertel sieben hab ich dann mal bei der Polizei gefragt, ob denn, wie denn das sei, ob wir jetzt zuerst einmal alle LKW an Bord haben wollen oder was. Und da sind sie mir schon ein bisschen ausgewichen, ich glaub mehr, weil ich da mit dem Englisch daherkomme, weil ich mach ja sonst keinen besonders bedrohlichen Eindruck, ist ein Eindruck. Aber einer hat dann zumindest gesagt one hour und ich hab mir gedacht: super. Also nicht „super“-super. Aber zumindest ein Plan, eine Perspektive. Kann ich mich hinsetzen und ein bisschen lesen. Auch wenn s dunkel ist, ich bin ja nicht allein.

Kaum eine halbe Stunde später hat s dann geheißen, tschopp-tschopp!, auf geht s. Also, nicht dass es das wirklich geheißen hat. Aber die um mich sind aufgesprungen und haben ihre Gepäcksstücke zum Schranken gezerrt. Also ich auch auf und Schranken, hallo, Pass, Ticket, Austria, ja, ja, vielen Dank. Und durch die Schranke. Aber natürlich wiederum nicht unbedingt die Passagierfähre in erster Linie und so stapf ich quasi durch s Industriegelände. Und dann neben den meterhohen Waggons vorbei, die schon in die Fähre geschoben worden sind durch zum Lift und ding! steh ich in einer Hotelrezeption, dass man fast vergessen könnte, das wir auf einem Schiff sind. Bisschen niedriger vielleicht, als man s gerne bauen würde. Aber insgesamt hübsch. Und da kriegen wir alle unsere Zimmer, wir kriegen eine Nummer auf den Pass und eben eine Schicht und einen Tisch zugeteilt.

Da liegt das Meer so vor einem, wir pflügen gleichmäßig und scheinbar anstrengungslos durch s Wasser. Die Oberfläche ist dunkel wie Tinte und es ist keine Überraschung, dass das hier den Namen Schwarzes Meer bekommen hat. Aber dann sehe ich plötzlich eine Form unter der Wasseroberfläche und zuerst ist das erstaunlichste einfach, wie klar das Wasser ist, das eben noch wie dicke, schwarze Flüssigkeit gewirkt hat. Das Gehirn sucht nach einer passenden Reaktion als ich die Form als Delfin identifiziere. Irgendwas mit Freude und Glück, bitte. Tatsächlich springt da ein Delfin neben dem Schiff aus dem Wasser, der von unter dem Boot heraufgetaucht ist. Mit der Rückenflosse das Wasser schneiden und dann ein Sprung aus dem Wasser, noch ein Sprung und dann verliere ich ihn schon aus den Augen, weil er dorthin abdriftet, wo die Spiegelung der Sonne einen Blick auf s Wasser fast unmöglich macht. Im letzten Moment greife ich noch nach dem Telefon, aber mein Fingerabdruck wird nicht erkannt und da ist es eh schon, wie gesagt. Ich bin immer noch etwas verwirrt, wie ich auf diesen Moment reagieren möchte. Nochmal ein Delfin, denke ich. Und: es ist schon super, auf einem Boot, was ist es es wer, das gegen Im-Büro-Sitzen einzutauschen?

Schönes Wetter, Schwarzes Meer

Der Delfin war kaum einen Meter groß und ich glaube, er hatte einen klar abgesetzten hellen Bauch. Während ich so brüte, kommen noch zwei Delfine von backbord auf die Fähre zugeschwommen. Die Rückenflosse teilt das Wasser, dann ein, zwei Sprünge und sie tauchen unter der Fähre durch. Kein Sinn zu versuchen, auf die andere Seite zu laufen, da ist zu viel Fähre dazwischen. Aber ich schau noch ein bisschen auf das Schwarze Meer und denke an die Antike oder die Zukunft. An Delfine und Tauchen und auf einem Boot sein. An die warme Sonne auf meinem Gesicht und daran, dass ich noch einmal die Flip-Flops herausgeholt hab, obwohl ich mich von denen am Flughafen in Bangkok schon für den Winter verabschiedet hab.

Das Essen ist ok. Es ist eine Überraschung in erster Linie, dass wir zu essen bekommen. Ich hab extra noch ein Geld abgehoben gehabt, aber das muss ich jetzt wohl irgendwo wechseln. Wir essen in zwei Schichten, das wird ausgerufen. Die erste Schicht wird auf russisch und englisch ausgerufen. Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt eine zweite Schicht gibt, weil die wird nur noch auf russisch ausgerufen und das versteh ich nicht. Kann auch ukrainisch sein, muss ich zugeben, weil wie gesagt, ich versteh s nicht und da könnte es beides sein. Aber in der ersten Schicht sind wir vier Ausländer. Zwei Amerikaner, der Koreaner, mit dem ich das Zimmer teile und ich.

Überraschenderweise haben sie mich in ein Doppelzimmer hochgestuft. Ich hab mich aus Kostengründen für das Dreierzimmer entschieden, aber sie scheinen da die Ausländer zusammenzutun oder vielleicht liegt eine andere Motivation dahinter, die sich mir nicht erschlossen hat. Auf jeden Fall sitzt in meinem Zimmer schon L., der Koreaner, der seit März in Osteuropa unterwegs ist und Anfang Dezember wieder nach Seoul zurückfliegt. Es ist eigentlich eh ganz nett, dass sie uns da zusammengesteckt haben. Insgesamt ist es nicht unwitzig, der Koreaner, der ein halbes Jahr durch Osteuropa getingelt und der Österreicher, der ein halbes Jahr durch Ostasien getangelt ist. Wir sind nicht ständig am Quatschen, aber wenn, ist s ganz interessant, so ein bisschen gegenseitig die Eindrücke abzutesten.

Schade aber, denk ich, dass ich nicht irgendwelche koreanischen Spezialitäten einstecken habe, das hätte ihm vielleicht eine Freude gemacht. Lustig auf jeden Fall, wie KoreanerInnen oft eher mit Erstaunen darauf reagieren, wenn ich sage, dass ich in Korea war. Ich sei vorher in Japan gewesen. Ah, sagt er, dann macht das schon mehr Sinn. Als ob Korea nicht einen Besuch wert wäre. Und wie lang? Nun, kaum eine Woche in Seoul. Das reiche dann aber auch schon wieder, sagt er. Naja, sag ich, es dauert schon, dass man die Kultur verstehen lernt. Oder überhaupt erst zu erkennen.

Aber natürlich bin ich auch mit einer ähnlichen Einstellung nach Seoul geflogen, dass das reichen müsse. Und jetzt hab ich immer ein bisschen ein… nicht gerade ein schlechtes Gewissen. Aber das Gefühl, dass ich Korea nicht wirklich gesehen hab. Es ist mehr so um eine Idee zu bekommen. Aber vielleicht ist es eh nie mehr als das. Immer nur eine Vorbereitung für den nächsten Besuch.

Dank GPS hab ich ab und zu mal geschaut, wo wir uns zirka befinden und so unsere Route grob dokumentiert

Und wir haben eine eigene Schiffszeit. Das ist witzig irgendwie. Letztlich ist das Schiff, auf dem ich die meiste Zeit verbracht hab, die USS Enterprise 1701-D und immer wenn ich irgendwelche Schiffsspezifika lerne, ordne ich die in meine Raumschiffkonzeption ein, weil das immer noch die ausführlichste vergleichbare Vorstellung von so etwas ist. Natürlich braucht s eine eigene Zeit auf dem Schiff, wenn man zwischen zwei Punkten mit verschiedenen Zeiten unterwegs ist.

Um zwei in der Früh (ich glaube Schiffszeit, also vier Uhr in Batumi, da lagen wir noch im Hafen) sagt die Dame mit der netten Stimme über die Sprechanlage, dass wir bitte zur Passkontrolle in die Bar runterkommen sollen. Leicht grummelig zieh ich mir Hosen an und rutsche von meinem Stockbett herunter. Wir sind die letzten in der Schlange. Vielleicht weil die Durchsage zuerst auf russisch gemacht wird und dann auf englisch wiederholt? Oder weil unser Zimmer das letzte am Ende des Gangs ist? Oder einfach weil wir keine Ahnung haben, wie da der Ablauf ist und die anderen alle LKW-Fahrer sind, die diese Strecke regelmäßig zurücklegen?

Was wir nicht die letzten in der Schlange sind, werden wir „überholt“. Die Leute hier am Schiff, die sind irgendwie nicht so gut mit dem Anstellen, das ist irgendwie was, da fehlt ein bisschen die Disziplin oder wie man das auch nennen will. Ist oft einmal, dass sich wer vordrängt, aber dann wiederum so nonchalant dass es so scheint, als bestünde da gar kein Unrechtsbewusstsein. Zum Beispiel der ältere Herr, der sich von hinter mir in der Schlange vor mir auf die Bank setzt, denk ich mir, der will sitzen. Aber er steht dann tatsächlich auf, als die Person vor mir fertig ist und lässt seinen Pass stempeln. Das fand ich schon frech. Aber soll ich mich jetzt echauffieren über sowas? Da konnte ich schnell loslassen. Viel schneller als das eine Mal in Armenien, als mir der Typ hundert Dram zu wenig rausgegeben hat für mein Brot, was jetzt keinen Unterschied machen würde, weil der Gegenwert so gering ist, aber das Brot hat nur hundert Dram gekostet und dann war das also doppelt so teuer und er reicht mir eine Handvoll Zwanzigdrammünzen auf meinen Fünfhunderter und natürlich zähl ich die nicht, aber…

Auf der anderen Seite dauert das bei den LKW-Fahrern doppelt und dreifach so lang, weil die nicht nur einen Pass gestempelt sondern auch ihre Fahrtpapiere kontrolliert bekommen müssen. Und trotzdem gelassen, fast gleichgültig gegenüber dem Vordrängen. Nicht nur, weil da so viele große LKW-Fahrer sind, die har-har-har lachen, Jogginghosen tragen und deren säuerlicher Körpergeruch selbst Schweißfüße hat. Da komm ich ein bisschen ins Nachdenken über Männlichkeitskonzepte und darüber wie sehr anderen den Platz geben, diese anderen in dem Gefühl bestätigt, sie könnten sich schon nehmen, was sie wollen. Wer bin ich, dass ich anderen Leuten Grenzen setzen soll, wo s mir doch bei mir selbst schon so schwer fällt, hier mit Augenmaß vorzugehen, rechtfertige ich meine Passivität. Und überhaupt, wir kommen ja eh erst los, wenn alle erledigt sind. Literally: alle im selben Boot. Erst wenn der letzte Pass gestempelt ist kann die Grenzpolizei von Bord und erst dann können wir loslegen. Und ob ich jetzt in meinem Stockbett liege und warte oder irgendwo steh und warte, kommt ja auf s gleiche raus, ganz ehrlich.

Angeblich sind wir um fünf dann los, da bin ich schon längst wieder im Bett gelegen. Hab ich nichts bemerkt. Der gesprächigere von den zwei Amerikanern, die mit uns am Tisch vierzehn (erste Schicht) gesessen sind, hat das erzählt. Aber ich hab nicht gefragt, ob das Schiffszeit oder Batumizeit war. War nicht so wichtig. Wir sind jetzt erst einmal unterwegs gewesen und das hat gedauert. Am ersten Tag war s Wetter noch hübsch und die Delfine unterwegs. Am zweiten Tag war das Wetter dann schon mehr so, wie s mich dann in Odessa auch empfangen hat. Also mehr so bisschen diesig und nicht so schön, windig, bewölkt, kühl. Da bin ich aber ganz schön weiter gekommen, in meinem Stephen King.

Zwischendurch halt immer mal eine Mahlzeit. Drei Mahlzeiten am Tag! L. und ich bekennen einander, dass wir schon lange nicht mehr mit so einer Regelmäßigkeit oder vielmehr mit so einer Häufigkeit gegessen haben. Lachend und mit Schwung springe ich auf die Stimme über die Ansagenanlage von meinem Bett und schlüpfe in die Schuhe. Sicher zwei,-, dreimal mit der Bemerkung, dass es nichts anderes zu gäbe, als Essen und Schlafen. Wie bei den Großeltern. Auch das funktioniert zwischen Seoul und Wien. Wir warten immer die englische Übersetzung ab, auch wenn ich anhand einiger Schlagworte aus der russischen Durchsage bereits die Einladungen zum Essen erkenne. We wish you bon appetit. Please don’t be late.

Schlechtes Wetter, Schwarzes Meer. Sicher zwei Drittel der Decks waren auch einfach abgesperrt. Man konnte weder am Heck stehen und in die Spur starren noch im Bug stehen und sich gestreckter Arme als König der Welt ausrufen.

Am zweiten Tag, noch vor der vierzigsten Stunde, die wir auf… ab wann ist es „hohe“ See? Auf jeden Fall leuchtet uns Odessa entgegen. Also zuerst sieht man den Himmel schimmern, die nächtliche Helligkeit Odessas, die die darüberliegenden Wolken in gelb-rosa Schimmern taucht. Nehm ich an, weil wir sitzen beim Essen, als nach und nach Telefone zu Klingen beginnen. Wir kommen wieder in Reichweite der Telekommunikationsnetzwerke! Und tatsächlich leuchtet dann nicht nur der Himmel sondern bereits auch erkennbare Lichter am Horizont. Und es ist nicht Odessa, auf das wir zusteuern sondern Chornomorsk. Weil da ist der Hafen, an dem die LKWs von Bord wollen und die Waggons eine Lokomotive finden, die sie wieder durch das Bahnnetz zieht. Hurrah, sag ich, das geht sich ja super aus. Weil ich hab schon gefürchtet, erst im Morgengrauen anzukommen und dann erst recht verloren ins Land blickend am Ufer zu stehen. Aber jetzt, jetzt wird sich das locker ausgehen, dass wir um zehn im Hostel sind.

Chernomorsk am Horizont

Ukraine

Ist natürlich ein Irrtum. Als ob ich den langwierigen Eincheckprozess von vor kaum eineinhalb Tagen komplett vergessen hätte. Weil erst einmal dauert s natürlich, bis das Riesenschiff in die Hafeneinfahrt ist und dann umdrehen und rückwärts in die… Bucht. Was auch immer. Und langsam, so langsam. Das ist schon beeindruckend, da könnte ich stundenlang zuschauen und hab ich wohl dann auch. Auf dem Meer, denke ich, auf dem Meer merkt man ja nicht so, was für ein Riesentrumm diese Kaunas ist. Aber am Ufer dann, relativ zu den Hafenanlagen gleich wieder enorm riesig. Und da muss man natürlich langsam vorgehen. Ich denke wieder an Star Trek oder vielmehr an Perry Rhodan, wo die Anlegemanöver immer Stunden gedauert haben und ich mich immer gefragt hab, was die da machen, stundenlang. Weil eben in Star Trek haben sie die Zeit nicht, selbst in der Space Odysee geht das relativ flott. Aber in so einem Roman schreibt sich natürlich schnell einmal, dass sie acht Stunden später wieder terranischen Boden unter den übergroßen Mäusefüßen hatten. Mit was für einer Vorsicht und Geduld eben.

Die aufregende letzte Minute des Anlegemanövers. Das Betonerne ist das Dock, das Blaue ist die Kaunas. Und ein bisschen überraschend, dass es kein Geräusch macht, wenn so ein Schiff stehen bleibt. Kein Klatschen, kein Zischen… Nicht mal das langsame Abklingen der Motoren folgt dem Stillstand.

Eben Geduld. Aber das sind mechanische Notwendigkeiten oder kann ich als solche verstehen. Dass wir dann schon wieder stundenlang Schlange stehen, weil die ukrainische Grenzmiliz natürlich auch nicht irgendwen ins Land lassen will und schon gar nicht irgendwelche LKWs, das ist eher nervig. Diesmal haben sie s nicht mal mehr auf Englisch durchgesagt und wir finden das nur zufällig heraus, während wir mit sich reduzierender Aufregung über die Decks laufen, dass die Leute da zur Passkontrolle anstehen und nicht in den Startlöchern um in ihre Autos zurückzudürfen.

Mein Milizbursche dreht und wendet meinen Pass in der Hand. Vielleicht ist das vis-a-vis Nationalstolz und sowas schwer, aber ich würde ja raten, auf die Vorderseite des Passes bereits das Wort Austria zu schreiben. Niemand weiß woher der Pass kommt. Groß Austria und Europe. Und dafür den hässlichen Feudaladler weglassen mit diesem furchtbaren Kommunismus-überwunden Relikt. Das hilft. Man muss es sich ja nicht gegenseitig schwer machen. Oder halt den jeweiligen Grenzkontrollen. Vor allem, wenn man sagt, dass das ein verhältnismäßig guter Pass ist, in dem Sinne, dass er einem viele problem- und manche visafreien Eintritte erlaubt. Dann soll man doch bitte das auch im Design vielleicht erkennbar machen.

So dreht und wendet er den Pass, fragt mich, ob ich Russisch spreche, was ich verstehe, aber auf Englisch verneine. Ich glaube, ich hab meine Russischkenntnisse sogar auf Spanisch ausgedrückt, um mich möglichst weit von einem russischen Interview zu distanzieren. (Und ja, ich verwende hier überall schon Russisch als Synonym für Ukrainisch. Ich kann s nicht unterscheiden. Und der Grenztyp hat mich sicher nach Russisch gefragt, also was soll s.) Wendet er sich an seine Kollegin, die hinter ihm irgendwas in einen Computer tippt. Die nimmt den Pass, er sagt ihr schon Austria, was er auf der zweiten Seite schon herausgefunden hat. Sie blättert den Pass durch, mit dem Daumen, so man offenbar in der internationalen Grenzadministrationsschule lernt, einen Pass durchzublättern. Schrubb-schrubb-schrubb-schrubb-schrubb. Wo ich hinfahre, fragt sie mich. Ob ich allein reise, fragt sie mich. Das versteh ich allerdings nicht sofort: You travel one? Ah, sag ich, als sie mit girlfriend, friend Beispiele für Nicht-Allein-Reisen nennt. Ja, alone. Schulterzuckend gibt sie den Pass dem Kollegen zurück, der eine leere Seite sucht und seinen Stempel setzt. Welcome to Ukraine, leidenschaftslos.

Das war noch halbwegs lustig. Dann verlassen wir das Schiff und die Pässe werden nochmal kontrolliert. Bus, werden wir zu einem Bus verwiesen. Ich bin mir sicher, dass der nur um die Ecke fahren wird, sag ich zu L. während wir im Bus auf s Losfahren warten. Nach zehn Minuten fährt der Bus nicht einmal drei Minuten um die Ecke zur nächsten Kontrollstation. Hier betreten wir ein Haus, in dem wir erst einmal wieder fünf Minuten vollkommen alleingelassen herumstehen. Mit uns wartet auch eine Familie, die wirkt, als ob sie von Georgien nach Ukraine übersiedeln würden. Zusätzlich zu ihren Koffern bringen sie säckeweise Klumpert und sogar eine in ein Plastiksackerl eingewickelte Topfpflanze mit sich. Ich weiß nicht, ob sie besser wissen, wie der Immigrationsprozess abläuft, sprachlich sind wir einander nicht erschließbar.

Ein letzter Blick zurück in den Ladebereich der Fähre. Da gehen, wie man sieht, die Geleise hinein und da waren ja auch tatsächlich Eisenbahnwaggons geladen. Darüber war noch eine zweite Ebene, auf der die LKWs gestanden sind.

Irgendwann werden wir ins nächste Zimmer geleitet und dann wieder hinausgescheucht: Bitte Abstand zu halten, hier wird geröntgt, hier arbeiten Professionelle, bitte das ernst zu nehmen. L. steht günstig und ist schnell erledigt. Ich stecke in der Familie fest (typisch!) und die Gleichgültigkeit gegenüber effizienten und geordneten Verwaltungsprozessen zeigt sich auch, wie ich finde, darin, dass niemand von ihnen sagt, da, geh vor, das geht schneller. Und ich tu ihnen unrecht. Weil einer der Söhne deutet mir kurz darauf, da, geh vor, das geht schneller. Danke, nicke ich, durchaus etwas schuldbewusst. Ich hatte gerade genug Zeit, mich in dieser diagnostizierten Gleichgültigkeit ein bisschen hochzustrudeln, dass ich mich fast geärgert habe darüber, dass sie mir nicht anbieten, doch schnell vor ihnen durch die Kontrolle zu huschen. Ohne natürlich von meiner Seite her auch nur irgendwie anzudeuten, ob ich nicht…

Na und dann stehen wir in einem Industriehafen. Oder wie auch immer man das nennen möchte. Wir stehen im Nichts. Vor uns steht ein Großraumtaxi aber wir haben beide kein Geld. Immerhin haben wir einander, denk ich mir und überlege, dass ich dank L. weiß, dass es einen Bus gibt, dank L. überhaupt einen Plan habe, weil ich vergessen habe, mir den auf s Telefon zu laden und… und was hab ich zu bieten? Auf jeden Fall ist es um halb elf in der Nacht in einem fremden Land angenehm, jemanden dabei zu haben, ob sich der jetzt auskennt oder nicht. Und wir beschließen einmal zur Busstation oder zumindest zur „großen Straße“ zu gehen, dort finden wir dann vielleicht…

Als erstes stellen wir fest, dass die „große Straße“ eine Brücke ist, auf die wir rauf müssen. Das ist ein bisschen ein Umweg, vor allem, weil wir den kurzen Weg erst von oben erkennen, erst erkennen, nachdem wir die Ziegenherde umrundet haben, die hier in der Nacht grast. Über die Brücke, den Lichtern entgegen. Das schaut ja nicht so schlecht aus. Und es ist nicht soooo kalt. Und es regnet nicht. Auch wenn s auf elf zugeht, wir sind optimistisch. Das Licht ist eine Tankstelle und dahinter ist eine Bar, die ein bisschen an From Dusk Till Dawn erinnert, aber das ist nicht überraschend, weil immerhin ist das alles eher Truckerland. Auch wenig überraschend ist, dass da heute kein Bus mehr zu fahren scheint. Zugegeben, es wirkt ein bisschen trist. Noch zur nächsten Tankstelle, frage ich? Vielleicht können wir dort ein Taxi rufen, wenn wir keins finden. Aber da hat L. schon die Hand ausgestreckt und das nächste Auto blinkt und fährt auf uns zu… um dann doch nicht stehenzubleiben. Aber schon das nächste, ein VW-Bus, ein vielleicht roter VW-Bus bleibt stehen. Odessa?, fragt L. in den Bus hinein. Sicher, sagt der Fahrer, steigt s ein. Er sagt das auf Russisch. Die Verständigung beschränkt sich auf ein Minimum, aber wir kommunizieren dank Telefon, wo wir zirka hinmöchten. Ziemlich sicher, dass der Fahrer dort nicht hinmusste, das war einfach nur eine mich nach wie vor erblassen lassende Freundlichkeit, dass uns der zum Bahnhof geschupft hat. Aber er hat uns geschupft. Und während ich anfangs mit meinem GPS ein bisschen gecheckt hab, ob uns der eh nicht auf seine Organfarm entführt, hab ich mich irgendwann auch genug entspannt um zu finden, dass die Musik im Radio genauso klingt wie die Elektropop-CD, die ich 1996 in Moskau gekauft hab. Oder vielleicht hat mir die Vertrautheit der Musik auch die Sicherheit vermittelt.

Es ist nicht mal halb zwölf und wir stehen wir dank the kindness of strangers in Odessa am Bahnhof. Und dann gibt s noch ein Internet und ich krieg die Straßenkarte von Odessa auf mein Telefon und eine Wegbeschreibung und alles picobello. Danke, sag ich, das hätte ich nicht geschafft. Und wir verabschieden uns in verschiedene Richtungen. Meine Sorge ist jetzt nur noch, ob das Hostel noch offen hat und ich beeil mich ein bisschen, um vor Mitternacht da zu sein. Oder auch, weil das alles ein bisschen märchenhaft glatt gelaufen ist und ich Gefahr laufe, dass sich meine gläsernen Schuhe in Luft auflösen. So laufe ich mit meinem Rucksack durch s nächtliche Odessa und finde alles eigentlich sehr ansprechend. Der Boden ist uneben, aber die Lichter freundlich und die Luft gerade erfrischend genug, nicht kalt zu sein. Das Monument von Peter und Gavrik weist mir den Weg nach links und wie ganz viele meiner Gespräche, die ich mit Leuten hier führe, antworte ich auch der Stimme durch die Hostelgegensprechanlage mit sorry. Weil es ist ein bisschen spät, aber ich hätte da diese Reservierung. Sicher, kein Problem.

Am nächsten Morgen wecken mich die Kinder, die im Hof in ihren Jacken und Mänteln Volleyball spielen, von einem weißhaarigen Trainer begleitet, der ab und zu in seine Pfeife bläst. Wunderbare Osteuroparomantik.

Nah- und Fern-

Da ist immer einer. Immer einer von den Taxifahrern der keine Ahnung hat. Und ich geh direkt auf ihn zu und sag ihm. Und das erste, was er macht ist, dass er sich an den anderen Taxifahrer wendet und ihm mein Hotel zuruft. Der antwortet ihm, woraufhin mich mein Taxifahrer ins Taxi geleitet und erst mal losfahrt. Batumi liegt am Schwarzen Meer und an der Küste gibt s eh nur zwei Richtungen, nur eine, wenn der Bahnhof etwas außerhalb liegt. Das war alles ein bisschen schnell und die Zigarette muss noch fertiggeraucht werden, das versteh ich schon. Ob ich die Navigation andrehen kann. Leider, kein… ich überlege ein bisschen bevor ich mich auf signal festlege. Das versteht er. Gibt mir sein Telefon, dass ich dort die Navigation andrehe. Ich kann ein Telefon schon auch auf georgisch bedienen, stellt sich heraus. Die Tastatur in der App kommt dann glücklicherweise sogar auf Latein daher, also alles prima.

Währenddessen fährt der Kollege von vorher mit uns auf und ruft durch mein Fenster eine Wegbeschreibung. Ok, denk ich mir, aber so kompliziert sollte das wirklich nicht sein. Auch ohne Navigation. Das Hotel ist hinter dem Frachtbahnhof, da ist eine Straße, du wirst ja wohl wissen, wie man hinter den Frachtbahnhof kommt. Ich würde das mittlerweile hinbekommen, und ich hab mir das zweimal auf der Karte angeschaut.

Egal, die Navigation funktioniert, der Kollege kommt noch ein zweites Mal seine Wegbeschreibung zu ergänzen und dann fahren wir einfach mal die ganze Straße hinter dem Frachtbahnhof entlang, all diese Informationen offenbar ignorierend und nachdem wir an der Gegend, in der das Hotel sein soll vorbei sind, in einer Geschwindigkeit, die… naja, die schon ein bisschen zu schnell ist. Aber es ist finster und ich bin erschöpft und überhaupt vertraue ich darauf, dass er schon weiß, was er tut. Ist ja sein Job. Obwohl ich immer mehr glaube, dass der heute nur ausgeholfen hat. „Kann nix passieren, du setzt dich rein, fahrst die Leute wohin sie wollen, kriegst das Geld in die Hand. Kein Problem. Du kennst dich doch aus bei uns…“

Aber dann drehen wir um, fragen noch zwei Leute und fahren die Straße nochmal entlang. Und da ist es dann tatsächlich. Mein Taxifahrer wirkt ausgesprochen zufrieden und ich bin doch irgendwo erleichtert. Er verlangt einen Zehner. Nachdem er keinen Taxometer angedreht oder vielleicht nicht einmal gehabt hat, hab ich mir zwischendurch kurz Sorgen über eine Post-Fahrt-Preisverhandlung gemacht, aber dafür, dass ich um halb elf in der Nacht relativ flott und relativ sicher in mein Hotel gebracht wurde ist das schon ok. Ist vielleicht ein bisschen mehr, als das kostet, immerhin hat die ganze fünfstündige Zugfahrt von Tbilisi nach Batumi vierundzwanzig gekostet. Aber das ist die Bahn und ist der günstige Schienenverkehr Zeichen einer eher funktionierenden oder eher disfunktionalen Wirtschaft und Sozialsystem…?

Das Hotel ist dann auch noch eine Überraschung, weil alles relativ finster ist. Aber ein junger Mann holt mich schon von der Straße ein und ratzfatz check-in. Dass mein Zimmer ein bisschen Marmor am Boden hat und eine rote Plüschdecke, bringt mich dann erst auf den Gedanken, dass hinter dem Frachtbahnhof sicherlich traditionell eine eher rötlichtere Gegend sei. Als ich in der Beschreibung der Zimmer soundproofed gelesen hab, hab ich das kurios gefunden, aber mir nicht viel dabei gedacht, um ehrlich zu sein. Das stellt sich dann auch als eine eher selektive Schalldämpfung heraus, vielleicht ist damit bloß die Abwesenheit von Fenstern zu Nach-Draußen gemeint. Des Nachts hör ich selbst von draußen immer wieder mal einen Zug. Aber es ist sauber, der Wasserdruck und das Internet sind mehr als in Ordnung und günstig ist es auch. Kühl war s in der Nacht und weil der einzige Lichtschalter neben der Tür ist, hab ich die Heizung erst in der Früh entdeckt. Das ist komisch, aber ich hab das letzte Mal in Krabi in einem Zimmer geschlafen, in dem ich neben dem Bett einen Lichtschalter hatte und nicht vor dem Schlafengehen blind von der Tür zum Bett schlurfen musste. Das ist schon unpraktisch.

Unpraktisch as in die Abwesenheit von Duschvorhängen (oder äquivalenten Einrichtungen). Versteh ich ja, wenn s subtropische Temperaturen hat, da ist das wurscht. Aber wenngleich mir der Wetterbericht für heute sonnige zwanzig Grad voraussagt, bin ich mir nicht sicher, ob das Resultat meines morgendlichen Gepritschels bis zu meinem Aufbruch dahingetrocknet sein wird.

back to work

Von den sicherlich vielfältigen Möglichkeiten back to work zu zitieren, denke ich an Amy Winehouse, während der Satz aus dem Kopf in meine Finger fließt. Und das ist ja nicht einmal ein echtes Zitat, work passt ja kaum dorthin, wo sie black gesungen hat. Und eigentlich ist es auch gar nicht so finster gewesen, mich wieder ein bisschen mit Arbeit zu beschäftigen. Im Gegenteil war das eine hübsche Abwechslung und so viel hat sich in einem Jahr auch wieder nicht getan, dass ich nicht überall sofort einen Anschluss gefunden habe. Unabhängig von was sich in den nächsten Monaten tun wird, so hab ich quasi schon wieder versprochen, das nächste Treffen in Padua, da wird man mich sicherlich zu sehen bekommen. Ist ja nur um s Eck, ist ja kein Aufwand, ja ja, wir verlieren uns nicht aus den Augen…

A. sagt, sie hat nach der Konferenz das Gefühl, employable zu sein. Auch A. hat ihre Krisen und es ist nicht so einfach einen Job zu finden, in dem man Anerkennung findet, Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, ein angenehmes soziales Umfeld, Freude an der Arbeit und die Fähigkeit, die Sachen auch liegen zu lassen, wenn die Glocke läutet. Ist das zu viel verlangt? Es ist interessant, wie die Anerkennung für die Arbeit einmal für ein Jahr liegengelassen zu haben, einen Schritt heraus gemacht zu haben, in vielen meiner vertraulicheren Gespräche im Vordergrund steht. Aber wie sehr will man sich wirklich anhören, was ich über Tahiti zu erzählen habe, über Papayapalmen, Bananenbüschel und kübelweise Karambole. Oder vielleicht fallt s mir mehr auf, weil es auch für mich letztlich das interessantere ist, darüber zu reden, wie ich nur langsam zur Überzeugung gefunden habe, dass das eine gute Entscheidung gewesen ist. Und es ist auch… ich will nicht sagen, dass alles noch da ist, das alles auf mich gewartet hat, dass ich überall sofort den Anschluss parat habe. Sicherlich muss ich einige Fragen nachlesen und Variablen herauskramen, die ich vergessen habe. Keine Ahnung, wie wir das im österreichischen Bericht behandelt haben. Aber so fremd ist das auch wieder alles nicht.

Hat mir gut gefallen, dass im Konferenzhotel die Räume nach Woody Allen Filmen benannt waren

Ist das also gut, dass ich sofort wieder drin bin? Weil ich bin andererseits auch in der Situation, dass es schwierig ist, etwas beizutragen. Ich arbeite eben nicht mit den Daten, ich habe keine Möglichkeit in den Arbeitsgruppen etwas beizutragen, wenn wir über Validierungen sprechen oder die Arbeit an internationalen Vergleichen zu unterstützen. Auf der anderen Seite war das noch nie der Fall und war vom ersten Treffen an ein Moment der Enttäuschung, dass ich den Enthusiasmus und die Neugier, die auf so einer Konferenz entsteht nicht in den Arbeitsalltag mitnehmen konnte, weil dort die Zeit und das Interesse dafür schlicht nicht bestand. Man könnte meinen, es wäre jetzt sogar einfacher, wo ich zumindest die Zeit hab.

Trotzdem.

Ansonsten hab ich verhältnismäßig ruhige Tage verbracht. Nachdem ich meine Erkältung hörbar vor mir hertrage, habe ich viele von den Abendveranstaltungen kurz gehalten. Es ist einfach wenig aufregend mit verstopften Ohren und verstopfter Nase Unterhaltungen in lauten Umgebungen beizuwohnen. Die Beteiligungsmöglichkeiten sind begrenzt und mein Stolz kränkt unter der leider notwendigen Mundatmung. Also geh ich nachhause und schlaf mich aus.

Währenddessen gibt mir eine der Hostelmitarbeiterinnen einen Löffel Honig zu meinem Frühstück. Nicht in den Tee, nach dem Essen, nach dem Tee, betont sie. Ich weiß nicht, ob s hilft. Aber es ist erstaunlich ungut, puren Honig zu essen. Einerseits merke ich, wie ich von der Großzügigkeit überrascht bin und frag ich mich sofort in der Umkehr, woher meine Sparsamkeit mit dem Honig kommen möge. Aber ich nehme noch einen zweiten, dritten und vierten Löffel. Es geht tatsächlich etwas besser, vor allem im Laufes Tages. Aber Ursache und Wirkung und solche Dinge… Ich bin aber superdankbar, weil ich das einfach eine total nette Geste finde.

Außerdem war ich ja bereits Tag vier

Das ist ja das. Mit den Gesten. Ich erlebe die ArmenierInnen schon stark als Leute, die s nicht besonders lustig zu haben scheinen. Lächeln ist nicht etwas, was Alltagsinteraktionen notwendigerweise begleitet. Aber vielleicht verstärkt das mein Dankbarkeitsgefühl, dass ich dann oft empfinde. Im Café, aber das ist ja fast schon wieder was anderes, werden wir dermaßen freundlich bedient, dass es schwierig ist, das anzunehmen. Weil sich selbst freundlich nicht unbedingt in äußerlichen Emotionsdarbietungen der Caféangestellten spiegelt. Sie ist einfach immer da und sie sagt viele Worte mit Danke und Bitte und viel Verständnis und ich bitte hoffen zu dürfen, dass sich für die werten Damen und Herren alles zur vollsten Erfüllung persönlicher Glückspotenziale zugetragen habe und was einem nicht so alles in den Sinn kommt, wenn man einen Kaffee serviert. Das war im Café Central.

Und eigentlich wollte ich ja noch etwas zu dieser Russischsituation sagen, die ich nicht so ganz zu greifen bekommen habe. Es ist ja so. Armenien hat eine sehr entspannte Beziehung zu Russland. Scheint zu haben. Da gibt s keinen bösen Blick auf eine Kolonisierung oder eine Unterwerfung oder so was. Das hat viel damit zu tun, dass man in Armenien oft einmal das Wort Genozid zu hören bekommt, wenn man die Stadt besichtigt oder durch eine Teppichmanufaktur geführt wird. Da ist Russland die freundlichere Nachbarin. Aber unabhängig dessen steh ich dann oft einmal da und formuliere ein thank you wo es doch ein s’pasiba auch tun würde. Aber bevor ich zum Russisch greife, schießt mir halt durch den Kopf, dass wenn ich mich schon einer Fremdsprache bediene, dann könnte ich doch gleich lernen, meine Dankbarkeit gleich auf Armenisch auszuformulieren. Aber ja, das läuft da alles zusammen irgendwie mit meiner Unkenntnis der politischen Situation und daraus resultierender Unsicherheit und einem vielleicht seltsamen Verständnis von Englisch als einer neutraleren Sprache. Oder vielleicht auch, dass ich auf eine russische Antwort nicht vorbereitet wäre und niemand mir eine armenische Antwort geben würde.

Jetzt bin ich in Georgien und da ist zumindest die Politik auf der Seite meiner Vorsicht. Aber letztlich ist auch hier Russisch wesentlich gebräuchlicher, deutlich verbreiteter und etwas selbstverständlicher ist, als Englisch. Ich hab mir auch schon Danke auf Georgisch sagen lassen, aber obwohl ich das zwei Minuten lang im Mund hin- und herfließen habe lassen, hab ich s bald einmal wieder vergessen. Zuerst die zweite Silbe. Dann die erste Silbe. Plopp.

Hab ich gesagt, wie wild gebaut wird, in Eriwan? Vielleicht, meint eine Kollegin, für den Fall, dass die Diaspora über Nacht nachhause kommen will

Hat mich die Arbeit also gleich wieder in ihren Bann gezogen. Weil es interessiert mich schon und ich hab schon einen Spaß dabei, mit den Leuten aus der Welt über Policies und Prozesse nachzudenken. Und so tuckel ich noch ein bisschen durch dieses Eck der Welt, mit seiner jahrtausendealten Geschichte und seinen jahrhundertealten Konflikten und dem guten Obst und den schönen Nüssen; aber im Kopf bin ich oft schon ein bisschen weiter, da denk ich schon eher nach, wo ich meine Füße in den Sand setzen möchte. Auch in die Freude auf Freundinnen und Freunde mischt sich eine Ahnung von fachlichen Unterhaltungen, deren Eckpunkte ich mal nebenher auf einer Serviette notiere…

So ernst ist es gleich wieder, dieses Europa.

nothing like

In Thailand hab ich ja wieder relativ viel Tee getrunken, weil das am Boot das praktischste gewesen ist. Auch einmal ein Cola an so einem Tauchtag, es ist ja doch recht anstrengend. Und dementsprechend hab ich auch meinen Tee mit einem Löffel Zucker getrunken. Milch, wenn da war.

Auf den Philippinen hab ich hingegen mehr Kaffee getrunken. Und das ist jetzt auch nicht unbedingt Kaffee gewesen… also, da hab ich schon auch ein bisschen die Bandbreite erweitert, was Kaffee betrifft. Allerdings hab ich den ja meistens nicht selber angerührt, deshalb weiß ich gar nicht genau, was das war. Ich glaube, der Kaffee hat sich 3-in-1 geheißen, weil da Kaffee, Milch und Zucker praktisch gemeinsam in einem Sackerl aufgehoben werden und bei Bedarf mit dem heißen Wasser angerührt werden. Und das ist wirklich ganz ok gewesen, als Zuckergetränk und revitalisierend nach und zwischen dem Tauchen.

Allerdings hab ich versucht, in Thailand am Boot mir so ein 3-in-1 anzurühren und war immer etwas enttäuscht darüber, dass der Geschmack nicht den der Zuckermilch mit sanften Kaffeearomen erreicht hat, die ich mir auf den Philippinen langsam eingestanden habe, schmackhaft zu finden.

In Novosibirsk hatte ich einen Tee am Flughafen… ich bild mir ein, da war irgendwas, wo ich mir gedacht hab, schau an, Russland, die haben gleich wieder eher eine Ahnung, was Tee alles sein kann. Fallt mir nicht ein, wahrscheinlich war s bloß, dass sie mir fünf verschiedene Sorten zur Auswahl gegeben hat und ich dann mit meinem Assam dagesessen bin.

Das wiederum bringt mich kurz zu einem Gespräch, das der Adam Buxton mit dem Philipp Pullman geführt hat und podcästlich veröffenlicht hat. Und da sind sie zuerst auf einem Spaziergang (durch die Felder vom Herrn Pullman; um den muss man sich scheinbar keine Sorgen machen) gewesen und dann sind sie in die Casa Pullman zurückgekehrt. Und da sagt der Pullman “Would you like some tea or coffee?” und der Buxton antwortet “I’d love some tea, thank you!”. Und irgendwie fand ich das so nett, weil es, so stellt man sich zumindest von außerhalb vor, ein sehr alltäglicher Wortwechsel ist, den man in Großbritannien im Oktober wohl öfter zu hören bekommt. Aber dem Buxton sein Antwort klang fast ein wenig überrascht darüber, dass ihm jemand einen Tee anbieten würde und einfach ehrlich erfreut gegenüber der Aussicht auf eine Tasse Tee.

Minuten später haben sie sich dann noch über den Tee unterhalten und der Herr Pullman erklärt, dass das ein Teil Lapsang sei und vier Teile Assam, weil er sei eigentlich kein Fan von Lapsang, aber so eine Ahnung von der lapsang’schen Rauchigkeit habe er ganz gern in dem kräftigeren Assam. Fünf Sterne für Teegespräch.

In Armenien hab ich dann vor allem den Thymiantee getrunken, weil mein Hals einfach und dann hab ich das Gefühl, das hilft. Auf der Tagung zwischendurch mal einen Grüntee. Der Thymian, da hab ich mir im Hostel dann einfach die Thermoskanne am Heißwasserspender gefüllt, zwei Beutel hinein und wer weiß schon, wie sehr mir das geholfen hat. Aber das zählt natürlich nur so halb als Tee. Und genusshalber hab ich auch öfter einmal zum Kaffee gegriffen. Weil in Armenien machen sie etwas, das sie armenischen Kaffee nennen und was im Wesentlichen ein türkischer Kaffee ist. In den ersten Tagen hab ich bei einem der unzähligen Kaffeestandeln, die in Eriwan die Straßen säumen einen black coffee bestellt und zu meiner Überraschung einen türkischen Kaffee im Pappbecher bekommen. Das war ganz witzig, sie hatte da so eine Türkischer-Kaffee-Kanne, die sie direkt in den Strom eingesteckt hat und die dementsprechend selbst erhitzt hat. Und ratzfatz war der Kaffee fertig. Und dann auch gar nicht so schlecht tatsächlich.

Es war aber eine ziemliche Ausnahme, das zu bekommen und ich bin dann oft einmal quer durch die Innenstadt gelaufen, bis ich zu dem einen Standl gekommen bin, wo sie den verkauft haben. Allerdings war die Verkäuferin vom ersten Tag bei meinen Folgebesuchen nicht mehr da war und die anderen das nicht so gut hinbekommen haben, meinen Geschmacksknospen zufolge. Schade. Aber auf dem Weg zum Kaffee hab ich mir einen Granatapfelsaft gekauft und das war jedes Mal super und jedes Mal ein bisschen weniger verrückt, die schönen Granatäpfel durch die Presse zu jagen anstatt in stundenlanger Arbeit sorgfältig auseinander zu klauben.

Der Kaffee auf der Tagung hingegen, da haben sie leider ein bisschen die Prioritätensetzung verpasst. Weil das war ein löslicher und da sind die Damen und Herren WissenschaftlerInnen dann doch ein bisserl sensibel. Und am Nachmittag sind die Leute dann schon mit den Pappbechern herumgestanden, weil wie gesagt, Standeln gibt s genug. Nachdem ich in der Situation auch sonst einfach zum Tee greife, stell ich mir viel öfter die Frage, ob s nicht größere Häferl gäbe, weil in so einem Achter Heißwasser meinen Teebeutel zu versenken und dann warte ich drei Minuten für s Ziehen und dann warte ich noch drei Minuten darauf, dass er trinkbare Temperatur erreicht. Und dann nehm ich die zwei Schluck Tee, die ich mir da aufgebrüht und ausgekühlt hab und dann steh ich quasi schon wieder am Heißwasserspender. Ich verstehe, dass man Kaffee nicht aus den Halbliterhumpen herausschlabbert, aber wenn man beim Tee den Zubereitungsprozess „privatisiert“, die Zubereitung einzelner Teeschalen ist schlichtweg unpraktisch.

In Tbilisi heißt der Armenische Kaffee dann wieder Türkischer Kaffee