Krankenstand

Hat s mich gleich erwischt. Es ist nämlich ziemlich herbstlich geworden in Melbourne seit ich das letzte Mal hier gewesen bin. Als ich ankomm nieselt es vor sich hin, die MelbournerInnen tragen Mützen und Handschuhe. Da lach ich noch drüber.

Insgesamt lauft alles super. Also, naja. Aufgefallen ist mir schon gleich einmal, dass die ersten zwei Leute, mit denen ich geredet hab, mich gleich einmal nicht verstanden haben: die eine am Zoll und die nächste im Café. Ich mein, nicht, dass ich mich gar nicht hätte verständigen können, aber vielleicht hat meine Art, fröhlich vor mich hinzureden, die ich mir in Indonesien angewöhnt hab, weil ich mich dort ja gar nicht erst besonders auf die verbale Ebene verlassen hab, vielleicht ist das mit den Native Speakern weniger erfolgversprechend. Das war ein bisschen irritierend und hat mir von meinem Elan genommen, aber ich mein, ich hab s trotzdem geschafft, Kaffee zu bestellen. Nur geschmeckt hat er nicht. Und den Zoll beherrsche ich mittlerweile, quasi Westentasche. Pflanzenteile: sicher, ich trage ja Tee hin und her. Und ich geb immer noch brav meine dreckigen Schuhe an, weil so ganz gehen Urwaldschlamm und Vulkandreck auch nicht raus. Aber sind sie relativ sauber, fragt sie mich? Ja, sag ich, relativ sauber. Da, gradeaus, ab zum Ausgang.

Ich mein, der mittlere Abfall zwischen April und Mai ist wirklich nicht enorm, selbst zwischen April und Juni sind s keine zehn Grad.

Dann hab ich die J. quasi abgeklatscht bei ihr zuhause, schnell noch gemeinsam zu den Mistküblen, damit ich die auch finde, muss ich mal meinen Mist wegbringen, und dann eigentlich schon verabschiedet und hier sind die Schlüssel, viel Spaß, guten Flug, viel Vergnügen. Jetzt ist mir schon langsam die Kälte in die Knochen gekrochen und das wäre gar nicht so schlimm gewesen, weil ich mich bald mit Tee und Decken auf der Couch eingerichtet hab. Aber ich hab gemerkt dass nach einem Monat in Indonesien, inklusive Street Food und was nicht alles, nach einem Monat Indonesien ist es das Essen von der Mailayischen Fluglinie, dass mir die Flora zusammenhaut. Es ist ja so, dass man das schon merkt, ab und zu, beim Essen. So ein: hm, das bekommt mir vielleicht jetzt gar nicht so gut. Es schmeckt einfach weniger, als es schmecken könnte – nay: schmecken sollte.

Am nächsten Morgen war s dann fix, dass ich, körperlich angeschlagen durch die Neudekoration meiner Darmwände, mir in den herrschenden Temperaturen eine Verkühlung eingefangen hatte. Na und was man so tut, hab ich mir das erst einmal versucht mit Tee auszukurieren. Zwei Tage später sagt mir die Apothekerin in der Apotheke, dass sie mir da ein paar Antibiotika geben würde, das klinge gar nicht besonders gut, was ich ihr da zu erzählen hätte. Sie entlässt mich aber auch vorerst mit einem Spray für den Hals. Das sei das stärkste, was sie so habe. Und kein Wunder eigentlich, stelle ich später im Supermarkt fest, weil literally alles, was sie so hat, hat s dort auch, zwischen Erdäpfeln, Zitronen und Frühstücksflocken. Der Höhepunkt des Erstaunens ist für mich aber, dass Sellerie fünf Dollar pro Stück kostet und sich dabei auch noch anfühlt wie schon zwei Wochen im Kühlschrank rumgekugelt. Mach ich mir meine Suppen halt ohne.

So hab ich jetzt eine Woche mit Tee, Suppe und Thermophor verbracht und bin, wie halt normal, quasi ausgeheilt. Ich hust noch und mein Taschentuchbedarf ist wohl auch noch nicht ganz über den Zenit, aber ja, was man halt als gesund empfindet, wenn man sich schon ein paar Tage gefragt hat, ob das jemals wieder wird.

Symbolfoto. Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich J.s Wärmflasche gefunden hab, bis dahin hatte ich dann schon eine eigene. Ich bin noch auf der Suche nach den Geschirrtüchern.

Zuerst hab ich mir schon gedacht, wie praktisch, dass ich mich wenigstens ganz für mich hab und zurückziehen kann. Dass ich Couch und Fernseher hab und um zwei kommt eine Folge Sliders und um vier spielt s Star Trek TNG und dann noch eine Folge Voyager. Abgesehen von den vielen guten Filmen und Serien, die J. auf DVD rumstehen hat. Also ja, paradiesisch für eine Woche krank sein. Auf der anderen Seite merke ich, dass ich von der sozialen Isolation schon auch gleich wieder angeschlagen bin und insgesamt fühlt es sich ein bisschen nach Zuviel-des-Guten an. Und den Enthusiasmus, in dem ich noch aus Jakarta aufgebrochen bin, ist in einer Woche Krankenstand ein bisschen verkümmert.

Aber ja, es geht. Ich lese immer noch Harry Potter, da hab ich mir ganz schön was angetan mit dem Vorsatz. Weil ich finde auch, dass die gar nicht so gut sind. Vielleicht… also, nein, mit Sicherheit gehe ich falsch an die Bücher heran. Weil es sind Kinderbücher und sie stehen in einer netten britischen Tradition, ich sag jetzt mal Roal Dahl, wo alles in einer überzeichneten Welt passiert, eine Welt, wie sie vielleicht aus einer kindlichen Perspektive sein könnte, wo die Bösen böse sind und die Guten, naja, zumindest besser. Eine Welt in der Erwachsene oft boshaft und gemein zu Kindern sind und wo insgesamt keine großen Überlegungen über die großen Strukturen angestellt werden. Zumindest hat das so angefangen, jetzt hat sich die J. K. Rowling für die späteren Bücher mehr und für die Ergänzungen seit der Harry Potter Serie noch mehr angetan, um hier eine weltweite Welt zu entwerfen. Auch sind die Filme in einem überaus realistischen Stil verfilmt und überhaupt ist dem Ganzen der hyperbolische Anstrich der ersten Bände weitgehend genommen. Aber für eine realistische Welt klingt das alles furchtbar, wie sich die Damen und Herren Hexen und Zauberer sich ihre Wide-wide-wie-Welt gestalten: Kapitalismus und Nationalstaat, aber weder Bürokratie noch Rechtsstaat funktionieren ansatzweise. Und über so was ärger mich mich dann beim Lesen. Aber zugegebenerweise bin ich erst im vierten Band und ich hab vieles vergessen und je später (und dicker) die Bände sind, desto mehr hab ich damals scheinbar gar nicht so viel mitgenommen.

Einen kurzen Ausflug ins Internet später hab ich auch schon einen Stapel Papers, die ich mir zur ergänzenden Lektüre erst einmal abgelegt hab… In dem angeführten Band gibt s zum Beispiel „From Sexist to (sort-of) Feminist: Representations of Gender in the Harry Potter Series“. Das „to“ klingt ein bisschen danach, dass ich mir bis zum siebten Band nicht durchgehend die Haare raufen werde müssen?

Sonst back ich ein Brot, wenn s wahr ist. Das dauert halt ein bisschen. Aber was ich nicht mach, sind mir Gedanken. Weder nach vorne noch nach hinten. Ich schlaf jetzt einfach mal meine Verkühlung aus und irgendwie fühlt sich das unangenehm widerständig an, so gar nichts zu tun. Ein bisschen hat mich diese westliche Welt und Logik schon wieder eingefangen, noch bevor ich so wirklich über die Unterschiede zum Nachdenken gekommen bin, die mir den Alltag in Indonesien manchmal leichter gemacht haben. Aber zum Nachdenken hab ich derweil noch zu viel Rotz im Kopf.

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